Mit Handgepäck um die Welt

Versunkene Kultur auf Rapa Nui

ahu tongariki auf rapa nui

Marion drückt mich fest an sich und küßt mich auf beide Wangen. Dann hängt sie mir eine Blumenkette um den Hals und strahlt: “Willkommen auf Rapa Nui!” 

Die rechte Antriebswelle ihres alten Peugeot Vans kracht beim Anfahren markerschütternd. Marion sieht, wie ich das Gesicht verziehe und meint, dass die Ersatzteile ja schon lange bestellt wären. Es sei eben so eine Sache, alles käme mit dem Schiff und das kann dauern… Dann fährt sie fröhlich fort, dass sie mir nun erst einmal die Stadt zeigen werde, bevor wir zu ihrem Hotel fahren.

Hanga Roa
Skyline von Hanga Roa Downtown

Die ist recht übersichtlich, Hanga Roa besteht aus der Uferstraße und der parallel dazu verlaufenden Hauptstrasse. Dazwischen Querstraßen mit kleinen Bungalows in blühenden Gärten. Nahezu alle der 6.000 Insulaner leben hier, zusammen mit ihren Haustieren. Frei laufende Hunde, bin ich aus Asien gewöhnt. Dagegen lassen frei laufende Pferde, doch erst mal staunen.

Überhaupt strahlt der ganze Ort eine derart fröhliche Unbekümmertheit aus, dass ich mich auf Anhieb wohl fühle. Von Vorschriften scheint man hier jedenfalls wenig zu halten. Motorräder werden ohne Helm bewegt und den meisten Autos sieht man nur zu deutlich an, dass sie kein TÜV aus dem Verkehr ziehen kann. Gebaut wird mit dem was da ist und so, wie man es braucht. Dank der vielen tropischen Pflanzen sieht es dennoch sehr hübsch und irgendwie ordentlich aus. 

Marion erzählt mir, dass es auf der Osterinsel sogar ein Gefängnis gibt. Aufgrund der üblen Vorgeschichte chilenischer Unterdrückung darf nämlich keiner ihrer Einwohner auf dem Festland bestraft werden. Derzeit sitzen dort fünf Häftlinge. Einer wegen Totschlags bei einer Rangelei in der Kneipe, die anderen wegen häuslicher Gewalt. 

Außer den Prügeleien, meist unter Alkoholeinfluss,  gibt es keine Kriminalität. Die Insel kommt dem libertären Traum einer sich selbst regulierenden Gemeinschaft nahe.

Verträumtes Paradies

ein pferd im garten
Ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer

In der Vergangenheit muss hier jedoch schreckliches geschehen sein, die Spuren weisen auf eine soziale und ökologische Katastrophe hin. Aus der jüngeren Geschichte wissen wir, dass die Überlebenden Rapa Nui in die Sklaverei verschleppt wurden und von den Chilenen als Zwangsarbeiter einer riesigen Schaffarm gehalten wurden. Am Ende blieben weniger als 200 der Ureinwohner übrig.

Den kleinen Flughafen gibt es erst seit1967, davor kam nur einmal im Jahr ein Versorgungsschiff der Marine vorbei. Einen regelmäßigen Schiffsverkehr gibt es allerdings bis heute nicht, die Osterinsel liegt 3.700 Kilometer vom Festland entfernt und der kleine Hafen von Hanga Roa ist nur für Fischerboote geeignet. Es kann also noch dauern, bis Marions Van die neue Antriebswelle bekommt.

Natur pur
Unterwegs auf der Osterinsel

Ich miete mir ein Motorrad. Leider ist der Hebel der Vorderradbremse abgebrochen, das scharfe Ende schneidet in die Finger der rechten Hand und viel Bremskraft bringe ich damit auch nicht auf. Nach wenigen Metern kehre ich um und bekomme eine andere Maschine. Diesmal ist der Kupplungshebel so verbogen, dass die linke Hand quasi darin gefangen bleibt, auch einen Rückspiegel suche ich vergebens. Es ist jedoch die letzte Enduro, sonst müsste ich Roller fahren. Vielleicht ist der TÜV ja doch keine so dumme Sache…

Außerhalb der Stadt stört das alles dann auf einmal nicht mehr. Wozu brauche ich einen Rückspiegel, wenn ich sowieso allein auf der Straße unterwegs bin? Es wird mich ganz sicher kein Pferd überholen, ich muss darauf warten, dass sie mich vorbeilassen. Oder eine Weile in gemächlichem Schritttempo einer Herde Kühe hinterherfahren. Ich habe es nicht eilig, die größte Entfernung beträgt etwa 15 Kilometer, die Sonne scheint und ich genieße den Wind in meinen Haaren. Auch ich fahre ohne Helm und genieße diese seltene Freiheit. 

Baumlose Landschaft

rano kao vulkan
Kratersee des Rano Kao

Markante Vulkane prägen die ansonsten baumlose Landschaft, dazwischen gibt es nicht viel außer Weideland. Wahrscheinlich hat der Bau der kolossalen Statuen so viel Holz verschlungen, dass die Insel im Laufe der Jahrhunderte komplett entwaldet wurde. Ähnlich wie Spanien im 17. Jahrhundert für den Bau der großen Armada. 

Außerdem muss eine beträchtliche Anzahl von Arbeitern damit beschäftigt gewesen und stand dadurch nicht für die Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung. Im 18. Jahrhundert muss die Lage wohl unhaltbar geworden sein, und es kam zu Hunger, Revolten und Bürgerkriegen. Als die Osterinsel 1722 entdeckt wurde, standen die kolossalen Statuen noch, 1784 berichtete ein anderer Reisender von deren Zerstörung. Was in der Zwischenzeit genau passiert ist, bleibt ein Rätsel. 

In den 1990er Jahren haben japanische Investoren die Statuen aufgerichtet und es begann ein sanfter Tourismus. Die Einnahmen daraus kommen auch den Nachfahren der Ureinwohner zu Gute. 

 

Moai am Rande des Rano Raraku
Moai am Rande des Vulkans Rano Raraku

Wir wissen noch immer nicht genau, was die Moaí genau darstellen sollten.

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