Mit Handgepäck um die Welt

Tapferes Venezuela!

Venezuela

Ich halte die Bordkarte an mein Kinn und lächle fröhlich. Allerdings gehen mir trotz meines, per Selfie deklamierten, Optimismus ein paar Dinge nicht aus dem Kopf. Ich wäre bedeutend lockerer, wenn ich nach Russland fliegen würde.

Über Venezuela gibt es fast nur negative Berichte in der Presse, die anderen Teilnehmer unserer Reisegruppe sind abgesprungen und in Kommentaren auf facebook wird mir nicht etwa „Viel Spaß!“ gewünscht, sondern „Komm heil zurück!“.

Es ist die Rede von Raubüberfällen am helllichten Tag und Entführungen, doch letztlich passiert das auch woanders. Du kannst auch in London, Paris und sogar in Berlin (2017 im Schnitt zwölf Fälle pro Tag) zur falschen Zeit am falschen Ort sein. Richtig übel finde ich daher nur den Gedanken, dass ich auch der Polizei nicht trauen darf.

In Medellín hatte mir eine junge Venezolanerin erzählt, dass sie mit der Waffe an der Stirn zum Einstiegen in einen Polizeiwagen gezwungen wurde, dort alles abgeben musste was sie
bei sich trug, um dann in einer einsamen Gegend abgesetzt zu werden. Allerdings war sie auch am späten Abend alleine unterwegs gewesen und hatte den Polizeiwagen selbst angehalten.

All das werde ich garantiert nicht tun.

cayo de agua strand
Strand von Cayo de Agua auf Los Roques

Auf der anderen Seite wurden mir jedoch auch Videos von ausgelassenen Partys an Traumstränden gezeigt. Von Motoryachten, teuren Autos und gut gelaunten schönen Menschen in exklusiven Clubs. Keine Rede von Hunger und Gewalt.

So liegt die Wahrheit wohl dazwischen. Menschen gehen überall ihren Tätigkeiten nach, feiern, verlieben sich, freuen sich trotz aller Schwierigkeiten ihres Lebens.

Denn kaum etwas ist in Wirklichkeit so schlimm, wie die Berichterstattung es uns gerne glauben machen möchte.

Willkommen im Sozialismus

tourismusbuero am flughafen von Caracas
Gleich drei große Führer empfangen ihre Touristen

Um die Ladezeiten möglichst kurz zu halten, habe ich Galerien mit mehr Bildern ausgelagert. 

Die Wand ist rot, davor sind Fahnen drapiert und diagonal absteigend die Porträts der drei großen Führer: Simon Bolivar, Hugo Chavez und Nicolas Maduro. Alle Abholer müssen von diesem Büro des Ministeriums für Tourismus akkreditiert sein. Auch wenn der Transfer vorab gebucht wurde, läuft der Kontakt ausschließlich über diese Stelle. Wer sich dennoch von einem falschen Taxifahrer entführen lässt, ist wirklich selbst schuld. Schon mal beruhigend.

Vom Flughafen aus geht es durch eine graue Gegend zu unserem Hotel, das am Strand liegen soll. Es ist fast Mittag, doch auf den Straßen herrscht kaum Verkehr, Staub liegt in der Luft, alles ist wie mit einem Grauschleier überzogen. Betonbauten aus den 1960er Jahren des letzten Jahrhunderts, vierspurige Straßen und trotz tropischen Klimas nur sehr wenig grün. Hier sieht es aus, wie in jedem Land der dritten Welt. Mich fasziniert die Atmosphäre, vielleicht weil sie mich auch an meine Jugendjahre im Portugal der 1970er erinnert.

hotel villa playa
Schon mal ein Hochsicherheitshotel gesehen?

Das Hotel heißt zwar Villa Playa, liegt jedoch mitnichten am Strand sondern in einem Villenviertel ein paar Querstraßen landeinwärts. Von außen wirkt es, praktisch fensterlos mit Stahltor, hohem Zaun und Scheinwerfern, eher wie ein Gefängnis. Hier bleiben die Crews der Fluggesellschaften und die paar Touristen, die nicht im Dunkeln weiter reisen möchten.

Unser Weiterflug geht früh am nächsten Morgen. Es gibt Bier, Wein, Rum und erstaunlich gutes Essen am Pool. Hinter einem Elektrozaun.

Sie hat Volkswirtschaft studiert, doch nun arbeitet sie als Kellnerin im Flughafenhotel. Xiomara wünscht sich natürlich mehr Freiheit, doch steht sie auch einer amerikanischen Einmischung sehr kritisch gegenüber, da sie befürchtet, dass das Land dann zwischen Walmart und Starbucks aufgeteilt werden würde und die Venezolaner weiter arm bleiben. Daher will sie lernen, was immer sie lernen kann und nach Spanien reisen. „Man kann dir alles nehmen, nur Wissen kann dir niemand mehr nehmen.“

Xiomara, Kellnerin

Wie aus dem Bilderbuch - Los Roques

los roques archipel
Der Hafen von Gran Roque

Um fünf Uhr morgens klopft es an der Zimmertür. Das aufmerksame Hotelpersonal erinnert daran, dass unser Bus zum Flughafen bereitsteht. Dort angekommen stehen wir verloren herum, wir finden keinen Schalter für den Check in. 

Der käme erst in einer halben Stunde verstehe ich zwar, kann es mir jedoch nicht vorstellen. Etwa 50 Minuten später wird dann aber tatsächlich ein Poster mit der Aufschrift “Fly Los Roques” aufgestellt und zwei junge Männer setzen sich hinter einen Tresen. Einer nimmt die Pässe entgegen, der andere schreibt sorgfältig von Hand die Passagierliste. Danach ebenso hingebungsvoll die Bordkarten. Sitznummern gibt es nicht, ich sichere mir einen Platz direkt hinter den Piloten. Es gibt auch keine Cockpittür!

Los Roques ist ein Archipel aus insgesamt 67 Inseln, eine knappe Flugstunde nördlich von Caracas mitten in der karibischen See gelegen. Es waren zwei traumhafte Tage, doch gibt es von dort nicht allzu viel zu erzählen. Ich lasse lieber die Bilder der Galerie sprechen.

Alex ist ehemaliger Boxer der Nationalauswahl und arbeitet jetzt für unsere Posada auf Los Roques. Er erzählt mir, dass die Versorgungslage insgesamt nicht schlecht ist. Los Roques sei zwar ohnehin eine andere Welt, doch auch in den Städten enthielten die sogenannten CLAP Kisten der Regierung genug, um die Ernährung zu sichern.

Alex, der Mann für alle Fälle

Stadtrundfahrt in Caracas

blick auf Caracas
Ausblick auf Caracas

Unser schwerer Geländewagen rollt schon seit geraumer Zeit über eine enge Straße steil bergab. Dann öffnet sich diese auf einen Platz. Er ist von Mehrfamilienhäusern aus den 1960er Jahren umgeben, die einmal ganz hübsch gewesen sein müssen. Hier wohnt die Mittelklasse, doch ist der Verfall unübersehbar. Anstrich und Putz lösen sich großflächig ab, die Geländer der Balkone sind verrostet und aus Ritzen im Mauerwerk wuchert Gras. Trotzdem ist alles sauber und so weit wie es eben geht in Schuss gehalten. Die Gegend wirkt arm, doch nicht verwahrlost.

Je weiter wir in Richtung Zentrum fahren, desto höher wird die Bebauung. Nun sind es Hochhäuser aus den 1970ern. Sie bieten ein ähnlich trauriges Bild. Die Geschäfte im Erdgeschoß sind zwar geöffnet, doch sieht es aus, als wäre hier die Zeit vor 30 Jahren stehen geblieben. Es sind an diesem frühen Nachmittag auch nicht viele Menschen unterwegs.

Straßenszene in Caracas
Straßenszene in Caracas

Wir erreichen die Metrostation „Central“. Hier stehen die „Zwillingstürme von Caracas“, ein großes Büro-und Einkaufszentrum. Einstmals waren sie der Stolz der aufstrebenden Ölnation, heute sind viele der Glasflächen blind, der Beton schwarz gefleckt. Auf Terrassen welken Pflanzen vor sich hin und viele Fenster sind selbst in den höheren Stockwerken vergittert.

An der Metro Station Central

Hier  halten wir an, um neue Gäste unserer Posada abzuholen. Ich steige aus dem Auto, die Sonne brennt vom Himmel und auch hier ist kaum jemand zu sehen. Die Atmosphäre ist irgendwie bedrückend, deswegen gehe ich nur ein paar Schritte weit und mache Fotos von der unmittelbaren Umgebung.

Instinktiv halte ich Ausschau nach Motorrädern mit Beifahrer und nach Uniformierten. Beim klassischen südamerikanischen Raubüberfall hat immer der Kerl auf dem Soziussitz die Pistole in der Hand. Polizisten dagegen, könnten meine Knipserei zum Anlass nehmen und behaupten dass Fotografieren genau hier verboten ist. Dann wäre für den „Gesetzesverstoß“ meine Barschaft fällig und die Kamera dazu. Insgesamt fühle ich mich nicht sehr entspannt und setze mich gerne wieder in das verhältnismäßig sichere Auto, einen mächtigen Toyota Landcruiser mit abgedunkelten Scheiben.

Kennt ihr die Actionfilme, in denen der Held in irgendeinem Dreckloch der Dritten Welt Geiseln aus den Händen eines korrupten Finsterlings befreien muss? Genau so komme ich mir im Zentrum von Caracas vor. Einige dieser Filme spielten tatsächlich dort

Der einzige Fahrgast

Frank, einer der neuen Gäste, arbeitet hier als Taxifahrer. Erst letzte Woche wurde er mal wieder überfallen, diesmal als Fußgänger. Am helllichten Tag stoppt ein Motorrad neben ihm, der Kerl auf dem Soziussitz hält ihm eine Pistole an die Stirn und fordert das Smartphone. „Hier kaufst du dir einfach kein iPhone“ meint er lakonisch. Aus seiner Berufspraxis in den Straßen von Caracas könnte er wohl so manches erzählen, ist aber recht zurückhaltend. Er meint lediglich, dass Kollegen mit weniger Glück gleich um ihr Taxi beraubt wurden.

Ich frage auch diese beiden nach der Versorgungslage. Tania, Franks Freundin, meint das habe sich in den letzten Jahren sogar gebessert. 2016 hätten sie hauptsächlich von Mango und Yucca (einer Art Kartoffel) leben müssen, jetzt gebe es eigentlich alles, auch wenn man wissen müsse wo und wann.

Oase in den Bergen

Vor uns hat die Nationalgarde die Straße gesperrt. “Runter mit den Handys und schaut die Leute nicht an” rät Erwi, unser Fahrer. Die rechte Spur ist durch einen Pick-Up Truck blockiert, links und rechts der verbliebenem Fahrspur stehen Soldaten (und Soldatinnen), ihre russischen Schnellfeuergewehre halb im Anschlag. Langsam schieben wir uns an ihnen vorbei, sie blicken argwöhnisch in unser Auto, lassen uns jedoch weiterfahren.

Ich bin wirklich froh, als wir die Stadt verlassen. Wieder geht es auf der engen Straße steil bergauf. Von Caracas bis nach Calipan sind 1.600 Höhenmeter zu überwinden. Dort sieht die Welt komplett anders aus. Auch hier sind zwei Posten mit Bewaffneten zu durchlaufen, doch man kennt sich, tauscht durch das offene Fenster ein paar Scherzworte aus und fährt weiter. 

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass hier oben eine recht privilegierte Klientel wohnt. Die Grundstücke sind groß, wenn auch in die steilen Hänge gedrückt, alle Häuser sehr hübsch und gepflegt. In den Auffahrten parken schwere japanische Geländewagen, ohne die geht hier sowieso nichts.

Rodolfo, unser Gastgeber ist pensionierter Tierarzt und hat im Staatsdienst gearbeitet, Lebensmittelkontrolle. Von der lächerlichen Pension könne er nicht leben, doch Gott sei Dank habe er die Posada mit ein paar Bungalows zum Vermieten. Im zugehörigen Restaurant gibt es abends Rinderfilet mit Pommes, sowie Salat und Tomaten aus dem eigenen Garten. Auf den ist Rodolfo besonders stolz. 

Nein, uns fehlt es an nicht, wir haben alles. Über den Sozialismus kann er nur lachen: “Das ist das Paradies der Faulpelze und Nichtsnutze.”

Er hat uns nach Caracas gefahren und ist ebenfalls gegen Maduro und den Sozialismus. Glaubt jedoch, dass arme Leute auch in Europa immer weiter an den Rand des Existenzminimums getrieben werden. Die Gelbwesten Proteste in Frankreich zeigten das medienwirksam. Seinem Bruder, der seit 12 Jahren in Narbonne arbeitet musste die Familie aus Venezuela Geld schicken, damit er sich eine eigene Wohnung kaufen konnte. Von seinem Verdienst in Frankreich hätte er sich das nicht leisten können.

Erwi
Himmlische Ruhe in der Natur

Auch das Frühstück ist derart reichhaltig, dass wir mit einer Portion auch zu zweit bestens bedient sind. Not leidet hier wirklich niemand und alle Menschen, die ich in diesen fünf Tagen Venezuela befragen konnte haben mir das bestätigt. 

So sehr sie alle Maduro zum Teufel wünschen, glauben sie dennoch nicht daran, dass 300.000 Menschen vom Hungertod bedroht sind, wenn nicht sofort Hilfsgüter ins Land gelassen werden. Maduro nennt diese Hilfslieferungen ein “Trojanisches Pferd” und beschwört, dass Venezuela es nicht nötig hat zu betteln. 

Auch wenn ich mich nur kurz in diesem wunderschönen Land aufhalten konnte, scheint er nicht ganz unrecht zu haben. Versteht mich bitte nicht falsch, wenn ich einem Sozialisten etwas schlechtes anhängen kann, tue ich es gerne und aus ganzem Herzen, doch den hehren Absichten USA traue ich genauso wenig über den Weg.

Entgegen aller Unkenrufe habe ich gute Tage in Venezuela verbracht. Ich habe es auch geschafft, das Land an jenem turbulenten Tag zu verlassen, als Maduro die Hilfslieferungen gewaltsam gestoppt hat und die Beziehungen zum Nachbarland Kolumbien abbrach. Nach zwei Stunden Wartezeit an der Passkontrolle wegen eines “Systemfehlers”. Allerdings haben mich die Kolumbianer bei der Wiedereinreise ebenfalls eine gute Stunde warten lassen. Man fragt sich wofür.

Die Menschen, die ich hier kennenlernen durfte waren tüchtig und fantastisch motiviert, trotz oder gerade wegen der Schwierigkeiten im Alltag. 

Animo Venezula! Ich komme gerne wieder.

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