Du darfst wählen. Nur nicht wohin.

Über den sanften Despotismus, die Erziehung zur Unmündigkeit und die Frage, ob überhaupt noch jemand nach der Bremse sucht

Die eleganteste Art ein Volk zu unterwerfen, bittet um Erlaubnis! Sie gaukelt dir vor, dass du der Herr im Haus bist, weil sie dich alle paar Jahre wählen lässt.

Doch im Grunde entscheidest du nur über die Farbe der Fessel, die Länge der Kette und den Namen dessen, der sie in der Hand hält. Der Franzose Alexis de Tocqueville hat diese Methode vor nahezu zweihundert Jahren beschrieben, in einer Sprache, die so höflich ist wie das System, das sie analysiert. Er nannte es nicht Tyrannei – er schrieb über die neue Demokratie in Amerika. 

Das System

Tocquevilles Ausgangspunkt ist unbequem, weil er nicht bei den Bösen anfängt, sondern bei uns. Der freundliche Tyrann drängt sich uns nicht auf; wir laden ihn ein. Alle vier Jahre wieder.

Die prägende Leidenschaft der demokratischen Völker, sagt Tocqueville, ist nicht die Freiheit, sondern die Gleichheit. Und diese Gleichheit hat die alten Bindungen zerschlagen. Wo früher jeder in ein Netz aus Ständen, Pflichten und Abhängigkeiten eingespannt war, unfrei, aber verbunden, steht der Gleiche nun ganz allein. 

Es gibt niemandem über ihm, dem er dient und niemanden unter ihm, für den er einstehen muss. Die Befreiung hat einen Preis: der Einzelne ist schwach, praktisch hilflos. Er muss sich in allen Belangen an die einzige Instanz wenden, die groß genug geblieben ist: den Staat, der verspricht, sich um alles zu kümmern. 

Aus diesem Rückzug wächst die Figur, für die die alte Sprache versagt. Im sechsten Kapitel des vierten Teils zeichnet Tocqueville eine Macht, die absolut ist und detailliert, regelmäßig und vorausschauend und mild. Sie will nichts Böses. Im Gegenteil: Sie will das Glück der Bürger. Sie will nur der alleinige Verwalter dieses Glücks sein. Sie nimmt ihnen die Mühe des Denkens ab und die Last der Entscheidung, und macht sich damit so unentbehrlich wie die Luft.

Das Raffinierte ist der Mechanismus, nicht die Absicht. Diese Gewalt zerbricht nicht den Willen, sie erweicht ihn. Sie zwingt selten zum Handeln, doch sie stellt sich unermüdlich jedem Handeln in den Weg, bis am Ende kein unterdrücktes Volk übrig ist, sondern ein klein gewordenes. 

Eine Herde ordentlicher, arbeitsamer, zufriedener Schafe, deren Hirte der Staat ist.

Der Mechanismus: Du darfst wählen

Und hier kommt der Einwand, den man dem gemütlichen Demokraten reicht wie ein Beruhigungsmittel: Aber wir wählen doch. Gewiss. Man darf wählen. Nur nicht, wohin.

Denn wenn die Sicherheit das größte Anliegen ist, dann bedient jede wählbare Partei dieses Anliegen nicht aus Verschwörung, sondern aus schlichter Marktlogik. Wahlen gewinnt, wer dem Wähler verspricht, was er begehrt. Und das ist „Sicherheit“ und „Fürsorge“. Wer würde eine Partei wählen, welche die Kettensäge ansetzen möchte. An Beamtentum, Sozialstaat, EU, NATO und Subventionen? So eine Partei existiert nicht!

Der Wettbewerb der Parteien ist daher kein Wettbewerb um die Richtung, sondern um die Glaubwürdigkeit des Versprechens, ihn besser zu umsorgen als der andere. Tocqueville hat genau das vorweggenommen: Die Zentralgewalt wächst in demokratischen Zeitaltern von selbst, gleichgültig, wer sie gerade führt — und selbst Herrscher, die sie bremsen wollten, haben sie am Ende vorangetrieben, weil die Strömung stärker war als ihr Ruder.

Der Stimmzettel ist in diesem System kein Gegenmittel gegen den sanften Despotismus. Er ist eine Beruhigungspille. Wer auf dem Wahlzettel nach einer Alternative sucht, hat schon verloren. Weil dort nie eine zu finden sein wird. Selbstregierung steht nicht zur Wahl. Und du kannst sie nicht delegieren! Denn dein Vertreter im Parlament genießt schöne Privilegien, die er nicht verlieren will. Die er aber verlieren würde, wenn er seinem Gewissen, statt dem Fraktionszwang abstimmen würde. 

Die Spirale: Man kann es nicht mehr

Nun könnte man einwenden, ein Volk merke doch irgendwann, dass es bevormundet wird, und begehre auf. Das setzt allerdings voraus, dass es noch Aufbegehren könnte. Und hier schließt sich die Falle.

Denn der moderne Staat nimmt seinen Bürgern nicht nur die Selbstregierung ab, er lässt auch die Fähigkeit dazu verkümmern. Wer nie mehr etwas selbst entscheiden muss, verlernt es zu entscheiden. 

Ein halbes Jahrhundert unter solch fürsorglicher Entlastung zieht keine Bürger heran, sondern Kostgänger;  Menschen, die Verantwortung scheuen, weil sie diese gar nicht mehr tragen könnten. Die Muskeln, mit denen man den Staat abschütteln könnte, sind exakt die, die er als Erstes stilllegt. Er sägt, mit ausgesuchter Höflichkeit, den Ast ab, auf dem der Widerstand sitzen könnte.

Das ist die eigentliche Abwärtsspirale: Je mehr umsorgt wird, desto weniger kann der Umsorgte, und je weniger er kann, desto mehr verlangt er nach Umsorgung. Ein perfekter Kreis, der sich selbst schließt und dabei lächelt.

Der Aussteiger: Die eleganteste Kapitulation

An diesem Punkt tritt eine Figur auf, die sich für die Lösung hält, und das mit einiger Berechtigung. Der Fähige, der durchschaut hat, was die Herde nicht sieht, und der sich absetzt. Er macht sein eigenes Ding. Er richtet sein Leben so ein, dass die vormundschaftliche Hand ihn nicht erreicht: mobil, unabhängig, in den Nischen, die das System noch duldet. Eine kleine, kluge Minderheit, die den Ausgang für entschieden hält und beschlossen hat, wenigstens selbst trocken zu bleiben, wenn schon alles absäuft.

Ich sehe diese Figur jeden Morgen im Spiegel.

Der Aussteiger lebt in den Nischen, die das System übrig lässt, doch diese Nischen existieren nur, solange das System sie duldet. Er bekämpft den sanften Despotismus nicht. Er genießt ihn aus der Distanz.

Sich Absetzen, sich der Fürsorge und der damit verbundenen Ausbeutung zu entziehen lohnt sich. Es ist überaus vernünftig, und genau deshalb tun es die Fähigen. Es hat nur einen kollektiven Preis:  Je mehr Fähige sich absetzen, desto mehr Substanz wird  dem Gemeinwesen entzogen. Als logische Folge zurrt die Zentralgewalt das Netz enger. Zuerst für alle, die bleiben, doch am Ende trifft es auch die Aussteiger, weil ihre Nischen schrumpfen.

Das Netz wird enger. Das individuell Kluge und das kollektiv Sorgende fallen auseinander und genau in diesem Auseinanderfallen herrscht der sanfte Despotismus.

Die Haltung: Was in meiner Macht steht

Wie lebe ich nun in dieser Klemme, die ich nicht auflösen kann? Nicht als Stoiker, der die Welt auf seine Schultern nimmt dazu bin ich zu sehr Skeptiker. Sondern indem man das eine ernst nimmt, was beide Schulen teilen: die Unterscheidung zwischen dem, was in meiner Macht steht, und dem, was nicht. Die ganze Kunst liegt darin, wo man die Grenze zieht.

Ich ziehe sie eng, mit voller Absicht. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Redlichkeit: Was ich nicht in der Hand habe, gebe ich nicht vor, in der Hand zu haben. Der Lauf der Gesellschaft gehört dazu. Ich kann ihn sehen, benennen, beschreiben, nur aufhalten kann ich ihn nicht, und wer das behauptet, lügt sich in die Tasche.

Was bleibt, ist der Tag. Den Garten bestellen, den man erreichen kann, statt sich am Acker zu verzehren, der einem nicht gehört. Das rechte Leben findet an der Stelle statt, an der ich wirklich stehe — nicht an der, an der ich gern stünde. Und diese Stelle ist kleiner, als die Weltverbesserer glauben, und größer, als die Verzweifelten meinen.

Das ist das genaue Gegenteil von Resignation. Der Resignierte hat aufgegeben und leidet weiter. Ich habe losgelassen und lebe. Ich kann keine Bremse ziehen, um den Aufprall zu verhindern. Daher lebe ich den Tag, solange er zu leben ist. Das ist keine Kapitulation vor dem Gefälle, sondern die einzige Freiheit, die das Gefälle mir noch lässt.