Vom Stoizismus zur Skepsis – oder wie man gelassen lebt, ohne an eine höhere Ordnung zu glauben.
Ich sitze an meinem Tisch und blicke auf die Seine. Ein großer Lastkahn zieht vorbei, das sonore Tuckern des schweren Motors mischt sich mit den Glocken von Notre-Dame und dem aufgeregten Bellen eines Hundes, der an der steinernen Rampe im Fluss badet. Es ist ein Moment, der nicht friedlicher sein könnte – bis ich die App öffne, die mir die Welt in ihrer angeblich wahren Gestalt zeigen will.
Der Feed liest sich wie eine alternative Tagesschau: Messermorde und Krieg, neue Steuern und höhere Steuern, Benzinpreise, Bargeldabschaffung, Totalüberwachung. Der Untergang des Abendlandes, garniert mit dem Rücktritt eines unbedeutenden Politikers von einem unbedeutenden Posten wegen einer unbedeutenden Affäre. Nichts davon ist erfunden. Alles davon existiert. Und trotzdem stelle ich mir, während der Kahn hinter der Brücke verschwindet, eine schlichte Frage: Was bringt es mir, meine Aufmerksamkeit dorthin zu richten?
Kann ich den Krieg beenden? Nein. Kann ich die Politik ändern – durch Wahl, durch eigene Kandidatur, durch Empörung? Nein, ein sehr entschiedenes Nein. Kann ich verhindern, dass Menschen sich seit Jahrtausenden bekämpfen? Ebenfalls nein. Diese Dinge gehören zur Menschheitsgeschichte wie Tag und Nacht, wie Sommer und Winter. Jede Generation hielt ihre Zeit für die gefährlichste, die je war, und jede Generation irrte sich darin auf dieselbe Weise. Denn zu allen Zeiten lebten die Menschen dennoch: Sie liebten, bauten Häuser, schrieben Bücher, erzogen Kinder und bewunderten Sonnenuntergänge, während im Hintergrund die immer gleichen Katastrophen über sie hereinbrachen.
Die Stoiker wussten das. Und hier beginnt für mich eine Denkbewegung, die weiter reicht, als es zunächst scheint. Epiktet, ein ehemaliger Sklave, hat sie in einen einzigen Satz gefasst: Manche Dinge stehen in unserer Macht, andere nicht. In unserer Macht steht unser Urteil, unser Wollen, unser Handeln – kurz, alles, was wir selbst hervorbringen. Nicht in unserer Macht stehen der Körper, der Besitz, der Ruf, die Ämter, der Lauf der Welt. Das Elend des Menschen, so die stoische Diagnose, entsteht daran, dass er die beiden Bereiche verwechselt: dass er sich über Dinge grämt, auf die er keinen Einfluss hat, und die einzige Freiheit, die ihm bleibt – die über sein eigenes Urteil –, achtlos verschenkt.
Das ist von bestechender Klarheit. Es ist keine Aufforderung, die Welt zu ignorieren, sondern eine Aufforderung, sie richtig zu sortieren. Der Stoiker flüchtet nicht; er unterscheidet. Und genau diese Unterscheidung ist es, die ich beim Schließen der App instinktiv vollziehe. Der Krieg gehört nicht in meine Macht. Mein Frühstück, mein Blick auf den Fluss, das, was ich heute schreibe und wem ich meine Aufmerksamkeit schenke – das schon.

Und doch bleibt für mich, jedes Mal, wenn ich die Stoiker lese, ein Rest, an dem ich mich stoße. Denn ihre Gelassenheit ruht nicht allein auf jener nüchternen Unterscheidung. Sie ruht auf einem gewaltigen metaphysischen Fundament. Die Stoiker glaubten an den Logos: an eine vernünftige, göttliche Ordnung, die das gesamte Weltgeschehen durchwaltet. Nichts geschieht danach zufällig; alles fügt sich in einen sinnvollen, notwendigen Zusammenhang. Mark Aurel, Kaiser und Philosoph, schreibt es sich Nacht für Nacht selbst ins Notizbuch: Was auch geschieht, es geschieht zu Recht, weil die Natur des Ganzen es so will. Der Weise soll sich nicht bloß fügen, weil Widerstand zwecklos wäre – er soll sich fügen, weil die Ordnung, der er sich fügt, gut ist.
Hier verlässt mich der Stoizismus. Denn woher wollen sie das wissen? Woher die Gewissheit, dass hinter dem Chaos ein Sinn steht, dass das Ganze vernünftig ist, dass es einen Logos gibt, an dem wir unser Leben auszurichten hätten? Die stoische Ruhe kauft sich ihren Frieden mit einer Behauptung über das Wesen des Universums – einer Behauptung, die zu belegen kein Mensch je in der Lage war. Man verlangt von mir, gelassen zu sein, weil alles seine Richtigkeit habe. Aber die Richtigkeit ist genau das, was ich nicht sehe, wenn ich in den Feed schaue, und ehrlich gesagt auch nicht, wenn ich in die Geschichte schaue.
Hier in Paris habe ich einen Mann entdeckt, der mir aus dieser Verlegenheit hilft. Er sitzt, in Bronze gegossen, mit übereinandergeschlagenen Beinen und einem verschmitzten Lächeln, gegenüber der Sorbonne. Michel de Montaigne, Edelmann aus dem Périgord, Richter an einem der acht höchsten Gerichtshöfe des Landes und zeitweise Bürgermeister von Bordeaux, hat sich im Alter von siebenunddreißig Jahren in einen Turm auf seinem Landgut zurückgezogen, um zu lesen, nachzudenken und eine Gattung zu erfinden, die es vorher nicht gab: den Essay, den Versuch. Über seinem Arbeitszimmer ließ er in die Deckenbalken einen Wahlspruch schnitzen, der alles enthält:
Que sais-je? – Was weiß ich denn schon?

Montaigne lebte in einem Frankreich, das im Blut der Religionskriege versank. Katholiken und Hugenotten metzelten einander im Namen der jeweils einzig wahren Ordnung nieder; die Bartholomäusnacht, in der Tausende ermordet wurden, fiel in seine Lebenszeit. Wer damals ganz genau wusste, wie die göttliche Ordnung beschaffen sei und was sie verlange, der tötete dafür. Montaignes Skepsis ist keine akademische Attitüde. Sie ist die Antwort eines Mannes, der gesehen hat, wohin die Gewissheit über den Logos führt: geradewegs aufs Schafott und auf den Scheiterhaufen. Er schrieb wörtlich:
„Es heißt seine Mutmaßungen sehr hoch bewerten, wenn man ihretwegen einen Menschen bei lebendigem Leibe braten lässt.”
Und hier liegt für mich die entscheidende Weiterentwicklung. Man kann alles, was der Stoizismus an praktischer Weisheit zu bieten hat, behalten – auch wenn man das metaphysische Fundament wegnimmt. Man braucht den Logos nicht, um zwischen dem zu unterscheiden, was in meiner Macht steht, und dem, was nicht. Man braucht keine göttliche Vorsehung, um zu erkennen, dass es töricht ist, sich über einen Weltlauf zu grämen, den ich ohnehin nicht ändern kann. Die stoische Technik funktioniert auch ohne den stoischen Gott. Ja, sie funktioniert vielleicht sogar besser, weil sie ehrlicher wird.
Denn der Stoiker sagt: Sei gelassen, weil alles seinen Sinn hat. Der Skeptiker in Montaignes Nachfolge sagt etwas Bescheideneres und, wie ich finde, Wahreres: Sei gelassen, weil du gar nicht wissen kannst, ob es einen Sinn hat – und weil deine Aufregung an dieser Ungewissheit ohnehin nichts ändert. Die Gelassenheit ruht dann nicht mehr auf einer kühnen Behauptung über das Universum, sondern auf dem nüchternen Eingeständnis der eigenen Grenzen. Woher weiß ich, dass die höhere Ordnung existiert? Que sais-je. Woher weiß ich, ob all die düsteren Prognosen eintreffen, die mir der Feed als sicheres Wissen verkauft? Que sais-je. Woher weiß ich, für wessen Partei ich Partei ergreifen sollte, in einem Streit, dessen Ausgang niemand kennt? Que sais-je?
Man könnte einwenden, dass diese Ungewissheit lähmen müsste. Wenn ich nichts weiß, warum dann überhaupt handeln, warum wählen, warum eine Meinung haben? Doch Montaigne zieht die entgegengesetzte Lehre. Gerade weil ich nicht über die letzten Dinge verfüge, bin ich frei, mich den vorletzten zuzuwenden – den nächsten, greifbaren, menschlichen. Der Skeptiker ist kein Nihilist. Er hört nicht auf zu urteilen; er hört nur auf, seine Urteile für Offenbarungen zu halten. Er lebt weiter, isst gut, liebt seine Freunde, pflegt seinen Garten und schreibt seine Versuche – aber er tut es ohne den Fanatismus dessen, der glaubt, im Besitz der Wahrheit zu sein.
Das ist auch der feine, aber wichtige Unterschied zwischen meiner Haltung und dem, was man mir vorwerfen wird: Es sei Flucht, Eskapismus, das Wegschauen des Privilegierten. Der Vorwurf trifft nicht ganz. Wegschauen würde bedeuten, so zu tun, als gäbe es den Krieg und die Steuern und die Überwachung nicht. Das tue ich nicht. Ich sehe sehr genau hin – und komme zu dem Schluss, dass meine ununterbrochene Betroffenheit weder mich klüger noch die Welt besser macht. Sie macht mich nur unglücklich und, schlimmer noch, empfänglich für jeden, der mir seine Gewissheit über die Ordnung der Dinge verkaufen will. Der empörte Mensch ist der lenkbarste Mensch. Wer ständig zittert, greift nach jeder Hand, die ihm Halt verspricht.
Montaigne verweigert diese Hand. Nicht aus Kälte, sondern aus einer tiefen, fast heiteren Bescheidenheit. Er hatte, anders als ich, allen Grund zur Furcht – in seinem Frankreich musste man zeitweise täglich um das eigene Leben bangen. Ich sitze an der Seine, und mir droht nichts als die schlechte Laune, die mir mein Telefon einredet. Wenn er unter jenen Umständen die Gelassenheit fand, sich seinen Turm, seine Bücher und seine Fragen zu bewahren, dann wäre es geradezu vermessen, wenn ich unter meinen ungleich milderen Umständen den Alarmzustand zum Dauerzustand erklärte.
Und so verabschiede ich mich von den täglichen Aufregungen – nicht von der Welt. Ich habe die Empörungsmaschinen stummgeschaltet und wende mich lieber den Dingen zu, die Jahrhunderte überdauern: der Geschichte, der Philosophie, den Städten, den Menschen, dem guten Essen und den kleinen Beobachtungen des Alltags. Es ist dieselbe Bewegung, die Montaigne in seinen Turm führte und Epiktet zu seiner Unterscheidung: die Rückkehr zu dem, was tatsächlich in meiner Macht steht.
Vom Stoizismus nehme ich die Technik mit – die klare Grenze zwischen dem, was ich ändern kann, und dem, was ich lassen muss. Den Logos lasse ich zurück, jenen Glauben, dass hinter allem eine gütige Vernunft walte, an der wir uns auszurichten hätten. An seine Stelle tritt eine kleine, ehrliche Frage, die mich von der Anmaßung befreit, das Ganze durchschauen zu müssen. Que sais-je? Was weiß ich denn schon? Es ist die vernünftigste Art, mit einer Welt zu leben, die ich nicht verstehe und nicht ändern kann – und die trotzdem, wenn ich nur von der App aufblicke, einen Lastkahn, Glockengeläut und einen badenden Hund für mich bereithält.
Von mir aus, nennt es Flucht vor der Realität. Ich nenne es die vernünftigste Art, mit ihr zu leben. Und jetzt gehe ich frühstücken.
