Mein Leben ist nie geradlinig verlaufen. Das klingt wie eine Koketterie, ist aber eher eine Diagnose. Es gab darin durchaus Phasen, in denen ich mir Geradlinigkeit gewünscht habe. Die beruhigende Vorstellung, dass ein Anfang irgendwo hinführt und der Weg sich nicht ständig selbst kreuzt.
Einen meiner ältesten Freunde habe ich im Zug zur Offiziersbewerber-Prüfzentrale der Bundeswehr in Köln kennengelernt. Wir wollten damals beide Piloten bei der Luftwaffe werden. Zwei junge Männer mit einem Ziel, auf dem Weg zu einer Prüfung, in der festen Annahme, dass daraus etwas wird.
Keiner von uns wurde genommen.
Wir blieben trotzdem in Verbindung, weil wir uns auf Anhieb gut verstanden hatten. Die gemeinsame Sache, die uns zusammengeführt hatte, existierte nicht mehr. Übrig blieben zwei junge Männer in München, die ihren Weg suchten.
Ich studierte Jura. Mein Freund begann zunächst Maschinenbau und kam erst durch mich zur Juristerei. Ich habe ihn auf einen Weg gebracht, den er zu Ende ging. Während ich einen anderen suchte.

Die Wette des Lebens
Meine Suche war ihm damals klarer als mir selbst. Deshalb schlug er mir eine Wette vor. Dabei ging es darum, dass ich mein Studium niemals abschließen würde. Einsatz: eine Reise nach Paris und ein Essen in der berühmten Tour d’Argent. Dazu muss man sagen, dass das 1986 ein irrsinnig hoher Einsatz war.
Ich nahm an, weil ich überzeugt war, zu gewinnen. Doch auch, weil ich für den Fall des Verlierens ebenso überzeugt davon war, dass mir die Begleichung dieser kostspieligen Schuld keinerlei Schwierigkeiten bereiten würde.
Beide Überzeugungen waren interessant. Die erste erwies sich als falsch, ich habe tatsächlich mein Studium geschmissen. Die zweite als zutreffend, die Rechnung bringt mich nicht in Verlegenheit.
Mein Freund wurde ein überaus erfolgreicher Anwalt. Ich wurde, was ich wurde. Was genau das ist, kann ich bis heute nicht wirklich sagen, doch es hat aufgehört, mich zu beunruhigen. Sagen wir: Lebenskünstler. Ich schaffe es immer irgendwie, das tun zu können, wonach mir gerade ist.
Von außen sieht seine Laufbahn wesentlich gerader aus als die meine: Jurastudium, Kanzlei, Erfolg. Dass am Anfang eine gescheiterter Traum stand und dann ein Studium, das ihm nicht lag, das steht in keinem Lebenslauf. Kein Weg ist so gerade, wie er Jahrzehnte später wirkt. Wir begradigen im Rückblick, weil eine Geschichte, die sich erzählen lässt, besser aussieht als eine Kette von Zufällen.
Interessant an der alten Wette ist deshalb nicht, wer sie gewonnen hat. Interessant ist, dass wir beide dachten, wir wüssten, worum wir wetten. Wir hielten den Studienabschluss für die eigentliche Frage. In Wirklichkeit war er nur ein weiterer Schritt von vielen! Die eigentliche Frage, nämlich die, welches Leben jeder von uns führen wird, stand damals gar nicht auf dem Zettel. Sie ließ sich auch nicht darauf schreiben, weil keiner von uns auch nur die geringste Ahnung davon hatte, welche Überraschungen so ein Leben mit sich bringt.
Gestern habe ich die Schuld eingelöst. Teilweise jedenfalls. Ich war mit meiner Liebsten in der Tour d’Argent. Der alte Freund konnte nicht nach Paris kommen; mein Angebot steht selbstverständlich weiter. Ehrensache!
Das Haus ist eine Institution, und es weiß das. Die Wände im Foyer sind tapeziert mit Autogrammen jener, die hier gespeist haben: die damals noch junge Queen Elisabeth, gekrönte Häupter in Serie, dazu die ungekrönten — Gorbatschow, Jelzin, und Gott weiß wer noch. Künstler ohne Zahl.
Brennt Paris? Der Held, der gebraucht wurde
Auf dem Ausschnitt, den ich fotografiert habe, zeichnet oben Roman Polanski. Das unleserliche Gekritzel darunter stammt von Salvador Dalí. Dazwischen aber, in ordentlicher, bürokratisch geübter, Handschrift: v. Choltitz, General a.D.

Und das ist wieder so eine Geschichte! Dietrich von Choltitz war 1944 der letzte deutsche Stadtkommandant von Paris. Hitler hatte den Befehl gegeben, die Stadt zu zerstören; die Sprengladungen waren angebracht. Sie wurden nie gezündet. Choltitz verweigerte den Befehl und kapitulierte – Paris brannte nicht.
Über das Warum streiten Historiker bis heute. Choltitz selbst hat sich nach dem Krieg als den Mann dargestellt, der Paris aus Gewissensgründen rettete, eine Erzählung, die ihm nützte und die er in Memoiren und Interviews pflegte.
Die deutsch-französische Versöhnung brauchte eine Heldenfigur: den „guten Deutschen“. Der Bürgermeister von Paris dankte ihm, von Choltitz wurde zum Ritter der Ehrenlegion ernannt und 1966 wurde ein Film über seine Geschichte gedreht. In Starbesetzung mit Gert Fröbe, Alain Delon und Jean Paul Belmondo.
Neuere Forschungen verweisen, nüchterner, auf die militärische Lage: Die Mittel zur vollständigen Zerstörung fehlten schlicht und einfach, die Front rückte näher, und ein Kommandant, der eine Weltstadt in Schutt und Asche legt, hat nach der, wie er wusste, unausweichlichen, Kapitulation keine guten Karten. Vermutlich wirkten alle Gründe zusammen, wie meistens. Er war übrigens nur ganze 16 Tage lang Kommandant.
Ganze sechzehn Jahre nach seiner Kapitulation saß dieser Mann hier und aß zu Abend. Er hinterließ seine Unterschrift, die man heute zwischen Polanski und Dalí findet, an einer Wand, die keinen Unterschied macht zwischen Regisseur, Surrealist und Wehrmachtsgeneral. Das Foyer der Tour d’Argent urteilt nicht. Es sammelt nur Gäste.
Genau darin liegt der eigentümliche Reiz dieser Wand. Sie ist keine Ehrengalerie, sondern ein Sediment. Wer hier gegessen hat, hat unterschrieben, und was jeder mitbrachte, blieb draußen. Geschichte wird an solchen Orten nicht erzählt, sie lagert sich nur ab ungeordnet, unkommentiert, und schon deshalb viel ehrlicher als die meisten Denkmäler.
Bei Tisch trägt jedes Stück das Logo des silbernen Turms. Man atmet die Tradition. Der Blick über die Seine, auf die Île Saint-Louis und Notre-Dame, ist spektakulär, der Service exzellent.
Alles gut, Ente nicht so gut
Nur das Essen konnte uns nicht recht begeistern. Dreimal nacheinander penetrantes Basilikumöl zu den Vorspeisen. Dann saure Aprikosen als Beilage zur berühmten Ente — und noch einmal Aprikose zum Dessert. C’est trop. Das hatte die arme Ente Nummer 1.208.563 nicht verdient.

Jede Ente wird hier nämlich nummeriert. Der Gast bekommt ein Kärtchen als Quittung für den Verzehr, ein kleines Zertifikat der Teilnahme. Auch das ist auf seine Weise stimmig: Ein Haus, das seit Generationen Unterschriften sammelt, zählt eben auch seine Enten. Die Nummer ist kein Detail, sondern das Prinzip. Man wird hier Teil einer sich selbst fortschreibenden Legende.
So, wie unsere Wette von vor vierzig Jahren. Die Träume von zwei Jungen, ein General mit umstrittener Legende, ein Surrealist, ein Regisseur und am Ende die durchnummerierte Ente mit zu saurer Aprikosenbeilage.
Der Junge im Zug nach Köln konnte all das nicht wissen. Er hätte zuerst auf das Cockpit gewettet, dann auf das Staatsexamen, und beide Male verloren. Wer weiß mit zwanzig schon, wer er mit sechzig sein möchte? Man kennt in dem Alter nicht einmal die Fragen, auf die das Leben später Antworten geben wird.
Die Ente Nummer 1.208.563 war so eine Antwort. Es ist völlig gleichgültig, wie ich hier hingekommen bin, es zählt nur, dass ich hier sein konnte.
Wenn der liebe Freund tatsächlich nach Paris kommt, damit ich meine Schuld endlich vollständig begleichen kann, könnten wir über das Restaurant reden.
Oder gerade eben nicht!