Alle reden über Longevity. Länger leben, gesünder leben, den Tod so weit nach hinten schieben, wie die Wissenschaft es erlaubt. Das ist das nächste große Ziel geworden, nachdem man Erfolg hatte, Geld hatte, die Welt gesehen hat. Doch es scheint mir, dass sich kaum jemand die Frage stellt, die neben all den Bluttests und Supplementen leicht vergessen wird: Wozu eigentlich?
Wir haben das Altwerden zum Leistungssport erklärt. Immer mehr, immer länger, nie genug. Das gleiche Muster wie beim Geld, jetzt mit Lebensjahren. Wer lebt länger, oder: Nur Loser sterben früh.
Man vermisst den eigenen Körper wie ein Bergwerk, führt Buch über Werte, die vor zwanzig Jahren kein Mensch kannte und verwechselt die Angst vor dem Ende mit einem Lebensplan. „Genug” ist keine Zahl. Es war nie eine.
Seneca hat das vor zweitausend Jahren gewusst: Es kommt nicht darauf an, wie lange du lebst, sondern wie gut. Ein langes Leben ist nicht automatisch ein volles. Ganz so, wie eine lange Reise nicht bedeutet, dass du weit gekommen bist. Manch einer ist mit vierzig fertig im besten Sinne. Er hat geliebt, ist gescheitert, hat verstanden, hat verziehen. Ein anderer wird neunzig und hat nie begonnen zu leben, er wird nur spät sterben. Ich fürchte, die Longevity-Jünger verwechseln genau das: Überdauern mit Leben.
Doch es ist nicht nur die schiere Zahl der Jahre, die mich zweifeln lässt. Es ist die Welt, die ich so lange bewohnen soll. Vor einigen Wochen habe ich über den Luxus des Flüchtigen geschrieben, über einen Sauternes, der aus einzeln von Hand gelesenen, halbverfaulten Beeren entsteht, über den größten Aufwand für das, was in Sekunden vergeht. Und ich bin dort auf einen Gedanken gestoßen, der mich seither nicht loslässt: dass unsere Zeit dabei ist, genau diese Art von Schönheit abzuschaffen. Nicht mit einem Verbot, sondern mit einem Prinzip. Dem Prinzip der Zweckmäßigkeit.
Es begann in der Architektur. Adolf Loos erklärte das Ornament zum Verbrechen, die Zierde zur Verschwendung, das Schmückende zur Unehrlichkeit. Le Corbusier baute die Wohnmaschine und nannte es Fortschritt. Was folgte, kennen wir alle: die glatte Fassade, der rechte Winkel, die Vorstadt, in der niemand wohnt, sondern nur untergebracht ist. Doch das Ornament war nie bloß Dekor. Es war das sichtbare Zeichen dafür, dass jemand sich mehr Mühe gemacht hatte als nötig, dass ein Ding unserer Freude gewidmet war und nicht nur seinem Zweck. Wo es verschwand, blieb eine Welt zurück, die sauber ist, vernünftig und freudlos. Am Leben, doch nicht lebenswert.
Und was mit den Häusern geschah, geschieht nun mit dem Leben selbst. Dieselbe puritanische Logik, die das Ornament austrieb, greift heute nach allem, was schön ist, gerade weil es nicht zweckmäßig ist. Schönheit ist immer ein Zuviel. Sie ist der Aufwand, der sich nicht rechnet, die Geste über das Notwendige hinaus. Genau darin liegt ihr Wert, und genau das macht sie verdächtig in einer Zeit, die alles auf seinen Nutzen reduziert. Ein Ding, das nur schön ist, muss sich dafür rechtfertigen. Ein Genuss, der nichts produziert, gilt als Schwäche.
Der zweite Todfeind des guten Lebens ist die politische Korrektheit. Sie ist die passende Geisteshaltung zur Schmucklosigkeit eines Tesla.


In den Siebzigern, Achtzigern, Neunzigern durfte ich eine Freiheit leben, die es heute einfach nicht mehr gibt. Man ist losgefahren, ohne dass jemand wusste, wo man war und genau das war das Gute. Kein Tracking, keine App, kein Messenger. Es gab noch kein permanentes Sich-erklären-müssen. Keine Assistenten, die im Grunde nur Wohlverhalten einfordern.
„Hör auf zu piepen, du blöde Scheisskarre!“ Ich weiss, dass ich zu schnell fahre! Doch ich weiß auch besser als du, dass das gerade gefahrlos möglich ist.
Ich habe Dinge getan, die riskant waren und war bereit die Konsequenzen selbst zu tragen, ohne dass irgendwer sich als vorsorglicher Vormund dazwischenschob. Freiheit bedeutet auch, Fehler machen zu dürfen. Damals war die Welt laut. Heute wird sie runtergeregelt. Im Namen der Gesundheit, der Sicherheit und der politischen Korrektheit.
Vor vierzig Jahren war ein Glas Wein „gut fürs Herz”, heute ist es ein Risiko, das man mir mit erhobenem Zeigefinger ausreden will. Das gleiche Getränk, doch aus der Empfehlung ist eine Warnung geworden. Nicht weil sich der Wein geändert hätte, sondern der Ton, in dem man über das Leben spricht.
Ich bin mit „Negerküssen“ und „Zigeunerschnitzeln“ groß geworden. Wir haben „Cowboy und Indianer“ gespielt, ohne überhaupt zu wissen, was Rassimus ist. Ich war nie ein Rassist, warum auch? Doch wenn man mir heute vorschreiben möchte, wie ich zu sprechen und zu denken habe, ziehe ich es erstmals ernsthaft in Betracht.
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass das kein Zufall ist, sondern ein Programm. Eine Welt, die das Schöne fürchtet, weil das Schöne unbequem ist. Es fordert ein Urteil. Es verlangt, dass man unterscheidet, dass man das eine dem anderen vorzieht, dass man sagt: das hier ist besser, kostbarer, gelungener als jenes. Genau dieses Unterscheiden ist in Verruf geraten. Man soll nicht mehr urteilen, sondern nur noch akzeptieren. Nicht mehr genießen, nur noch konsumieren. Der Unterschied zwischen beidem ist derselbe wie der zwischen dem Ornament und der glatten Wand.
Alain Delon wollte sterben, weil es keine Schönheit mehr gibt. Als ich das zum ersten Mal las, klang es nach der Bitterkeit eines alten Mannes. Bis zu dem Alter, das er erreicht hat, fehlen mir noch zwanzig Jahre, doch ich beginne ihn zu verstehen.

Denn wer lange genug lebt, überlebt irgendwann die Welt, in der er zu Hause war. Die Manieren ändern sich, die Ästhetik, alles, was selbstverständlich war. Du wirst zum Zeugen einer Kultur, die es nicht mehr gibt, ohne selbst schon gegangen zu sein. Das ist eine Einsamkeit, die keine Longevity-Klinik heilt. Man kann inzwischen die Zellen verjüngen, das Blut reinigen, die Telomere verlängern, doch man kann einem Menschen nicht die Welt zurückgeben, die ihn geformt hat. Und ehrlich gesagt geht es nicht darum, dass ich mich der Zeit nicht anpassen könnte. Es geht darum, dass ich sie zunehmend nicht mehr mag. Sie ist mir zu glatt geworden, zu vernünftig, zu freudlos.
Ein Leben, das man verlängert, während man ihm zugleich alles nimmt, was es schön und allein der Freude gewidmet hat, ist kein Gewinn. Es ist eine gut überwachte Wartezeit. Lange Jahre im Standby.
Und ehrlich gesagt: Es geht nicht darum, dass ich mich der Zeit nicht anpassen könnte. Es geht darum, dass ich sie einfach nicht mehr mag. Endlich habe ich verstanden, warum der Begriff „Altersstarrsinn“ geprägt wurde.
Die eigentliche Frage ist also nicht „Wie alt will ich werden?”, sondern „Wofür will ich noch da sein?” Solange es darauf eine Antwort gibt, ist die Frage nach dem „wie lange“ eigentlich gegenstandslos.
Und vielleicht ist das am Ende die eigentliche Kunst: nicht möglichst alt zu werden, sondern in einer Welt alt zu werden, die man noch mögen kann. Montaignes Turm, in den er sich schon im Alter von 38 Jahren zurückzog, um zu denken und zu schreiben ist eine bedenkenswerte Alternative. Er schrieb über 30 Jahre – für ein einziges Buch.
So mache ich weiter, Essay für Essay. Jeden Sonntag.