Everything louder than anything else!

Dieser Meat-Loaf-Song ist für mich zu einer Art Lebenshymne geworden. Er wurde von Jim Steinman, dem Richard Wagner der Rockmusik geschrieben. Schon der Titel ist ein logischer Widerspruch: Nichts kann wirklich lauter sein als alles andere. Man kann es nur versuchen!

Und genau das ist der Punkt: Es ist eine radikale Absage an das Prinzip der Zurückhaltung. Gib alles, lebe aus dem Vollen. Immer!

Vor einer Woche habe ich darüber geschrieben, wie unsere Zeit dem Leben das Schöne austreibt, das Ungleiche, das Überflüssige, in dem die Freude wohnt. Das war die eine Hälfte der Diagnose. Dies hier ist die andere. Denn was mit der Schönheit geschieht, geschieht zugleich mit der Freiheit. Beide stören dieselbe Ordnung. Beide sind ein Zuviel. Und beide werden mit derselben sanften, unerbittlichen Hand heruntergeregelt.

Für mich ist dieses Stück über die Jahre nicht leiser geworden, sondern lauter, und ich habe Jahrzehnte gebraucht, um zu verstehen, warum. Weil es das exakte Gegenteil dessen ist, was mit dieser Welt passiert. 

Der Zeitgeist ist ein einziger großer Lautstärkeregler, und er wird unaufhörlich nach links gedreht. Leiser, sanfter, vorsichtiger, korrekter. Steinman will dabei nicht mistspielen. Es geht ihm nicht um Macht, nicht um Geld und schon gar nicht unm seine Gesundheit. Er gibt einfach Vollgas, weil er nicht anders kann. So lange, bis es vorbei i ist. Das ist kein Programm, es ist eine Haltung. Eine Haltung, die heute so gut wie verboten ist.

Denn was macht mein Leben eigentlich lebenswert? Ein gutes Essen, bei dem ich die Zeit vergesse. Eine gute Flasche Wein, geteilt mit Menschen, die ihn ebenfalls zu schätzen wissen. Rockmusik, die laut sein darf. Der Sound eines Motors, der nicht wie eine Entschuldigung klingt. Ein Sportwagen, der hart, laut und ungefiltert war. Motorräder, bei deren Anblick jeder TÜV-Prüfer einen Schlaganfall erleidet. 

All das, was das Leben spannend gemacht hat, wird mir heute Stück für Stück madig gemacht oder gleich ganz verboten. Zu laut. Zu ungesund. Zu klimaschädlich. Zu inkorrekt. Alkohol auf null. Der Motor flüsterleise, oder gleich elektrisch. Das Risiko runter, das Feuer raus. Ich lebe in einer Zeit, die mir das Feuer aus den Dingen nimmt und mir dafür einen Matcha Latte hinstellt.

Und ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe es anders gekannt. In den Siebzigern, Achtzigern, Neunzigern durfte ich eine Freiheit leben, die es heute einfach nicht mehr gibt. Man ist losgefahren, ohne dass jemand wusste, wo man war, und genau das war das Schöne. Kein Tracking, keine App, kein permanentes Sich-erklären-müssen. 

Keine Assistenten, die ständig Wohlverhalten einfordern, kein Piepen, wenn man den Gurt eine Minute zu spät schließt, keine freundliche Stimme, die einem rät, doch eine Pause einzulegen. Ich habe Dinge getan, die riskant waren, und war immer bereit, einfach die Konsequenzen zu tragen, ohne dass ein Staat sich als vorsorglicher Vormund dazwischenschob. Freiheit bedeutet auch, Fehler machen zu dürfen! Sie hieß, das Recht zu haben, sich selbst zu gefährden, und niemandem dafür Rechenschaft zu schulden.

Damals war die Welt laut. Heute wird sie runtergeregelt, im Namen der Gesundheit, der Sicherheit und der politischen Korrektheit. Das sind die drei Hebel, mit denen man erwachsene Menschen langsam entmündigt und sie behandelt wie ein Kind, das man vor sich selbst schützen muss. 

„I know, I will never be politically correct. But I give damn about this lack of etiquette!“

Steinman hat für diese Bevormundung nur Spott übrig. Er singt, man habe eine ellenlange Akte über ihn angelegt, , und man sage ihm, er brauche radikale Disziplin, er müsse sich der Wahrheit stellen, er sei bloß ein weiterer Fall von verweigertem Erwachsenwerden. 

Wer je einen Anflug von Lebenslust gegen die Verwalter des Wohlverhaltens verteidigt hat, kennt genau diesen Tonfall. Er ist immer derselbe: mild, besorgt, überlegen, und tödlich für alles, was Funken schlägt.

Und dann kommt die Zeile, die ich für die schärfste Absage an unseren Longevity-Wahn halte, die ich kenne. 

A wasted youth is better by far than a wise and produktive old age!

Eine vergeudete Jugend, singt Steinman, sei bei weitem besser als ein weises und produktives Alter. Man kann das für die Prahlerei eines ewigen Halbstarken halten. Aber dahinter steckt eine ernste Wahrheit. Ein Leben, das sich nur noch über Vernunft, Produktivität und Nützlichkeit rechtfertigt, hat bereits kapituliert. 

Es hat den Rausch gegen die Bilanz getauscht, das Feuer gegen die Vorsorge. Die Longevity-Jünger wollen genau dieses weise, produktive, endlos verlängerte Alter, in dem kein Wein mehr getrunken, kein Motor mehr gestartet und kein Risiko mehr eingegangen wird. Ich lache sie aus, mit Jim Steinman. Bei uns zählt nicht die Dauer, sondern die Intensität. Ein kurzes Leben auf voller Lautstärke schlägt ein langes Leben in Stummschaltung.

Why worry about the future? Sooner or later it‘s gonna be the past!

Das ist kein Nihilismus, es ist eine heitere Weigerung, sich das Leben von Verwaltern und Weltverbesserern vorschreiben zu lassen. Es ist dieselbe Gelassenheit, die weiß, dass gegen die Vergänglichkeit kein Kraut gewachsen ist, und die daraus nicht Trauer zieht, sondern den Auftrag, jetzt und laut zu leben. Ein Stoiker des Rock’n’roll Roll!

Alain Delon sagte, wer lange genug lebe, überlebe die Welt, in der er zu Hause war. Für die Schönheit gilt das, und für die Freiheit gilt es genauso. Ich bin in einer freien Welt groß geworden und werde in einer heruntergeregelten alt. Die Manieren haben sich geändert, die Ästhetik, die Genehmigungen. Es geht nicht darum, dass ich mich nicht anpassen könnte. Es geht darum, dass ich eine Welt, die aus lauter Vorsicht besteht, zunehmend nicht mehr mag. Sie ist mir zu leise geworden.

Und vielleicht ist das am Ende die eigentliche Kunst: nicht möglichst lange zu überdauern in einer Welt, die einem das Feuer nimmt, sondern in einer Welt zu leben, die noch laut sein darf. Eine Welt, in der man Fehler machen, sich gefährden, zu viel trinken, zu schnell fahren und zu laut lachen darf, und niemandem dafür Rechenschaft schuldet. Der Song endet nicht zufällig mit einem Aufruf: 

If the thrill is gone, it’s time to take it back!

Genau das ist gemeint. Nicht länger leben. Lauter leben! Und wenn und die Welt den Regler immer weiter nach unten schieben will, ist es an uns, ihn wieder hochzuschieben.