Eigentlich wollten wir eine Hochzeit feiern, in der Nähe von Bordeaux. Am Strand von Arcachon, wo die Braut glückliche Sommertage als Kind verbracht hatte. Doch es kam mal wieder anders, die Wälder brannten, die Flammen hatten sich bis auf wenige hundert Meter an das Feriendomizil der jungen Familie gefressen. Sie mussten mitten in der Nacht flüchten und ihre Habseligkeiten zurücklassen.
Grund genug, die Hochzeit abzusagen, doch meine Bahnfahrt nach Bordeaux habe ich dennoch angetreten. Denn ich hatte noch eine weitere, ganz besondere, Verabredung in der Gegend.
Ein lieber Freund hatte mich zu einer kleinen Schlemmerreise durch die Weinregion um Bordeaux eingeladen mit dem absoluten Höhepunkt einer Weinverkostung im legendären Chateau d’Yquem.
Das Chateau steht in Sauternes, dem Ort, der den herrlichen Süßweinen seinen Namen gegeben hat. Und dort steht es auf dem höchsten Punkt, mit sanften Hängen zwischen zwei Flüssen


Der Ciron ist ein kleiner, kühler Waldfluss, der im Schatten dichter Baumkronen fließt, die Garonne ist im Spätsommer hingegen breit, träge und von der Sonne aufgewärmt. Wo das kalte Wasser auf das warme trifft, steigt an den Herbstmorgen Nebel auf und legt sich feucht über die Reben. Diese Feuchtigkeit lässt einen Pilz auf den reifen Trauben keimen, Botrytis cinerea, die Edelfäule.
Am Nachmittag jedoch brennt die Sonne den Nebel weg und trocknet die Luft. Bliebe es nass, würde der Pilz die Beeren einfach verderben. Doch so durchdringt er die Haut, das Wasser verdunstet und die Traube schrumpft fast zur Rosine. In dem wenigen, was von ihr übrig bleibt, sammeln sich Zucker und Aroma. Aus einer prallen Beere wird ein geschrumpeltes, unansehnliches Ding und genau dieses liefert den goldenen, honigschweren Most.
Allerdings befällt der Pilz die Beeren nicht gleichmäßig. Daher gehen die Winzer immer wieder durch dieselben Reihen und nehmen nur die Beeren, die der Edelpilz schon berührt hat. Traube für Traube, einzeln, von Hand. Manchmal braucht es ein halbes Dutzend Durchgänge, ehe eine Rebe völlig abgeerntet ist. Der Ertrag eines Weinstocks ergibt, so heißt es, gerade mal ein Glas.
Dieser Wein, der aus einer sehr seltenen Konstellation der Natur und viel Geduld entsteht, lagert bis zu vier Jahre im Keller von Château d’Yquem, unter einem kunstvollen Gewölbe aus Stahlbeton, das dennoch aussieht als wäre es bereits vor 500 Jahren errichtet worden. In langen Reihen von Eichenfässern. „Château d’Yquem“ steht darüber in goldener Schrift, wie über einem Altar.
Golden sieht auch der Wein im Glas aus, er schmeckt traumhaft süß, doch ohne zuckrig zu sein. Dickflüssig und voller Aromen von Vanille, Mango und Birne. Wir haben drei Jahrgänge verkostet, jeder war ganz anders und doch ähnlich.
All diese Geduld, diese Wochen und Jahre , dieser wahnwitzige Aufwand an Sorgfalt und Handarbeit mündet in einen Schluck, der in ein paar Sekunden vorüber ist. Man könnte es Verschwendung nennen. Aber es ist das Gegenteil. Es ist die schönste Definition von Luxus, die ich kenne: der größte Aufwand für das Flüchtigste. Nicht das Dauerhafte, nicht das, was sich stapeln und vererben lässt, sondern das, was restlos vergeht ist gerade darum so kostbar.
Je genauer wir wissen, woher ein Wein kommt, desto mehr schätzen wir ihn. Ein Glas Sauternes ist kein Getränk, sondern ein Ort und ein Jahr: ein bestimmter Hang, ein feuchter September, der den Pilz kommen ließ, die Hände, die durch die Reihen gingen.
Wie wurde ich zu dem bescheidenen Weinkenner, der ich bin? Ganz einfach: Ich habe mir irgendwann gemerkt, woher die Weine stammen, die mir am besten schmecken. Das Weinbaugebiet von Bordeaux erstreckt sich über eine Landschaft, die ungefähr so groß ist wie Schleswig-Holstein – kein Wunder, dass es in rund fünfzig Herkunftslagen aufgeteilt ist, in denen wiederum an die dreitausend Châteaux liegen. Und wenn man nur genug probiert, lernt man tatsächlich, die Lage am Geschmack zu erkennen.
Mir sind die Weine des Bordeaux insgesamt zu herb und zu erdig. Die Lagen des Burgund, aus der eleganten Pinot-Noir-Traube, schmecken mir wesentlich besser. Nicht umsonst kommt der teuerste Wein der Welt von dort: der Romanée-Conti.


Die Küche sagt dasselbe in einer anderen Sprache. Wir haben in zwei Tagen vier Gourmet Menüs genossen, jedes in einem Michelin-Sterne Restaurant. Jedes Gericht war eine kleine Architektur aus Können und Ehrgeiz. Ein Hummer, in Öl glänzend, umkränzt von hauchdünn gerollten Gemüsespiralen, daneben ein zartgrüner Tupfen. Viele Stunden Arbeit, das gebündelte Wissen einer ganzen Küchenbrigade, angerichtet mit der Pinzette. Und dann, in wenigen Minuten, verschlungen. Einfach weg.
Es war viel. Es war vielleicht zu viel. Doch, wie könnte ich mich über den Überfluss beschweren? Fasten kann ich daheim, nicht hier!
Erst wenn das Sattsein selbstverständlich ist, beginnt der Mensch, über das Wie nachzudenken. Über die Gerichte, den Teller, die Reihenfolge der Gänge.
„Herr, gib mir das Überflüssige, damit ich auf das Notwendige verzichten kann”
War es Voltaire oder Oscar Wilde der das gesagt hat? Egal, denn der Satz ist nur scheinbar ein Paradox. Das Notwendige hält uns am Leben. Doch das Überflüssige ist das, wofür wir leben, das, was das Dasein von der bloßen Fortdauer unterscheidet. Nähme man dem Leben alles Flüchtige, alles Unnütze, alles, was im Moment verschwindet und nichts hinterlässt als die Erinnerung an seinen Geschmack, so bliebe es grau und freudlos. Es bliebe am Leben und wäre doch tot.
Und doch ist genau dieses Überflüssige in den letzten hundert Jahren Stück für Stück wegrationalisiert worden. Es begann mit dem Verschwinden des Ornaments. Adolf Loos erklärte es zum Verbrechen, die Zierde für Verschwendung, das Schmückende für unehrlich. Architektur hatte fortan nützlich zu sein, nichts weiter. Le Corbusier baute die Wohnmaschine und hielt es für Fortschritt.
Doch das Ornament war nie bloß Dekor. Es war das sichtbare Zeichen dafür, dass jemand mehr Mühe aufgewendet hatte als nötig gewesen wäre. Die gleich zweckfreie Mühe wie bei den einzeln geernteten Trauben im Sauternes.
Wo es verschwand, verschwand die Botschaft, dass ein Ding unserer Freude gewidmet ist und nicht nur seinem Zweck. Geblieben sind die glatten Fassaden, der rechte Winkel und am Ende die tristen Vorstädte, in denen niemand wohnen will, sondern nur untergebracht ist. Eine puritanische Welt, sauber, vernünftig und freudlos. Am Leben, doch nicht lebenswert, weil man ihr das Überflüssige ausgetrieben hat, in dem die Freude wohnte.


Wir haben auf dieser Reise auch das Schloss von Michel de Montaigne besucht, standen in dem Turm, in den er sich im Alter 37 Jahren zurückzog, um zu lesen und über sich selbst zu schreiben. Ein Raum unter alten Balken, ein Bett, eine Büste, ein Fenster hinaus in die Rebzeilen. In diesem schlichten Räumen aus hat ein Mann versucht, sich selbst zu beschreiben, wie er es nannte, im Vorübergehen. „Ich male nicht das Sein, ich male den Übergang“, sagt er. Den Menschen, wie er von Stunde zu Stunde ein anderer wird.
Montaigne war kein Prediger der Vergänglichkeit, er war ihr Beobachter. Er hat die Unbeständigkeit der Dinge und seiner selbst nicht bekämpft und nicht betrauert, sondern nur genau hingesehen. Und aus diesem Hinsehen kam eine merkwürdige Heiterkeit. Die Gelassenheit dessen, der aufgehört hat, nach dem vermeintlich Bleibenden zu greifen, weil es das eben nicht gibt. Vielleicht ist das die reifste Art, das Flüchtige anzunehmen: nicht als Verlust, den man in Kauf nehmen muss, sondern als die Art, in der uns das Schöne überhaupt erreicht.
Denn nichts von dem, was diese Reise ausmachte, ließ sich behalten. Der Wein ging den Weg alles Weins. Die Menüs sind Erinnerung. Das Licht über den Reben gehörte zu einem Nachmittag, der vergangen ist. Und genau deswegen war nichts davon vergeudet.
Das Flüchtige ist kein Mangel des Luxus. Es ist sein Wesen. Und es ist, wenn man ehrlich ist, eine Allegorie auf das Leben selbst, das ja auch nichts anderes ist als etwas, das mit unendlicher Sorgfalt entsteht und dann, Tag um Tag, verbraucht wird – nicht gestapelt, nicht bewahrt, sondern gelebt, und damit verzehrt.
Die letzte Mahlzeit unserer Reise war ein Entrecôte mit Pommes frites, dazu eine ehrliche Flasche Saint-Estèphe. Keine Sterneküche, keine Pinzette. Binnen zehn Minuten war es verschwunden – wie der große Wein, wie die vier Menüs, wie das Licht über den Reben.
Nichts davon bleibt. Doch das ist kein Grund zur Wehmut. Es ist der Grund, warum es so kostbar war.