Systematisch falsch – Der Markt hat immer recht

Ich misstraue Systemen!

Natürlich brauchen wir Regeln, doch das sind erstaunlich wenige: Halte dein Wort. Nimm nichts, was dir nicht gegeben wird. Behandle deine Mitmenschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest. 

Damit kommt eine Familie aus, für Geschäfte unter Kaufleuten reicht es ebenfalls, und die gesamte Gesellschaft braucht im Grunde nicht viel mehr. Diese Regeln hat niemand entworfen. Sie sind entstanden, weil ein friedliches Zusammenleben ohne sie nicht funktioniert.

Systeme, wie sie uns heute beherrschen, sind dagegen etwas ganz anderes. Sie sind nicht darauf ausgelegt, einfach nur den Frieden zu erhalten, sondern sie wollen ein Ergebnis erreichen. Sicherheit, soziale Gerechtigkeit, Klimarettung, politische Korrektheit und so weiter…

Doch im wirklichen Leben gibt es Milliarden von Einzelpersonen und deren Interaktionen. Es ist das Prinzip von Billionen Ursachen und Wirkungen. Diese führen regelmäßig zu Ereignissen, die nicht ins System passen. Also muss ständig nachgeregelt werden: erst eine Lücke füllen, dann die nächste, so lange bis aus drei Regeln dreißigtausend geworden sind und sich trotzdem ständig weitere Lücken finden.

Die Marktwirtschaft führt zu, teilweise unerwünschten, Ergebnissen. Sie schafft keine „Gerechtigkeit“, weil das Universum nicht „gerecht“ ist. Daher werden die Menschen nicht müde, eine gerechtere Ordnung schaffen zu wollen. Je perfekter so ein Modell auf dem Papier aussieht, desto skeptischer werde ich.

Markt ist Chaos und Chaos lässt sich nicht planen

Eines der sympathischeren Modelle geht auf Rudolf Steiner zurück und nennt sich „assoziative Kryptoökonomie“, mit DAOs statt Gesprächsrunden und Smart Contracts statt Protokollen, und es bleibt doch alter Wein in neuen Schläuchen: Im Grunde läuft es auf eine Planwirtschaft per Blockchain hinaus.

Steiner wollte keine Planwirtschaft, das muss man ihm lassen. Kein Ministerium sollte festlegen, wie viele Schuhe oder Fahrräder das Land braucht. Seine Idee war feiner und sympathischer: Hersteller, Händler und Verbraucher schließen sich zu Gremien zusammen und finden gemeinsam heraus, was gebraucht wird, wie viel davon und zu welchem Preis. Niemand kommandiert. Man redet miteinander. Brüderlichkeit statt Konkurrenz.

Und genau deswegen rollen sich mir die Zehennägel auf!

Steiner behauptete nämlich sogar zu wissen, woran man den richtigen Preis erkennt: Der Hersteller soll für sein Erzeugnis so viel bekommen, dass er mit den Seinen davon leben kann, bis das nächste gleiche Stück fertig gestellt ist. Das klingt gerecht, doch auch sehr nach 19. Jahrhundert! Der Preis richtet sich hier nach dem, was der Hersteller braucht, nicht nach dem, was sein Erzeugnis einem anderen wert ist. Das geht völlig am Markt vorbei.

Mein Einwand ist nicht einmal moralisch. Er ist schlichter: Woher will das Gremium das wissen?

Montaigne hat die Frage in zwei Worte gefasst: Que sais-je? Was weiß ich? Ich weiß nicht einmal mit Sicherheit, was für mein eigenes Leben richtig ist. Wie sollte eine Runde von Branchenvertretern wissen, was für Millionen andere richtig sein soll?

Unternehmen beruht auf Versuch und Irrtum

Als Coco Chanel nach 1910 in Paris anfing, Kleider aus einem Stoff zu schneidern, aus dem man bis dahin Herrenunterwäsche machte, hätte kein Gremium der Welt dafür einen Bedarf festgestellt. Die Damenmode wusste schließlich sehr genau, was eine Dame trägt. Chanel wusste es auch nicht besser. Sie fand es nur unbequem und probierte etwas Neues aus. Daraus wurde ein Imperium.

Wem das zu lange her ist: 2007 hätte das Gremium der Mobiltelefonbranche aus Nokia, BlackBerry und Microsoft bestanden, und alle drei wussten genau, dass der Kunde eine Tastatur braucht. Der Microsoft CEO hat sich öffentlich über das iPhone lustig gemacht. Das Problem: Ein Bedarf lässt sich nicht feststellen, solange es so ein Ding noch gar nicht gibt!

Der Unternehmer kennt die Zukunft nicht. Er stellt eine Hypothese auf und riskiert sein Kapital dafür. Der Markt antwortet. Manchmal mit Ja, und noch viel öfter mit Nein.

Was den Markt regelt ist der Preis. Heute zahlen Menschen fünfstellige Beträge für eine Tasche von Chanel. Man kann das absurd finden und dennoch ist dieser Preis nicht falsch. Auch wenn er allem wiederspricht, was Rudolf Steiner sich wünschte. Wer ihn freiwillig zahlt, dem ist die Tasche offenbar so viel wert.

Es gibt keinen gerechten Preis, es gibt nur den Preis, den jemand zu zahlen bereit ist.

Friedrich von Hayek hat erklärt, warum das kein Zufall ist. Das Wissen, das eine Wirtschaft braucht, liegt nirgends gesammelt herum und wartet auf kluge Leute. Es ist verteilt, und jeder kennt nur seinen eigenen Bruchteil davon. Der Bäcker merkt, dass weniger Croissants gekauft werden und backt mehr Brioches. Der Großhändler merkt, dass Butter knapp wird und deckt sich ein. Irgendwer findet ein billigeres Verfahren ein Produkt herzustellen und schon purzeln die Preise. 

Niemand sieht das Ganze, und dennoch bilden sich Preise, auf die sich alle einstellen können. Ohne im Einzelnen zu wissen, warum sie sich bewegt haben. 

Das fasziniert mich am Markt. Nicht etwa, dass er allwissend wäre, sondern dass er niemanden braucht, der alles wissen muss. Ein Gremium braucht aber genau das. Es muss das verstreute Wissen an einen Tisch holen, und was an diesem Tisch ankommt, ist immer schon von gestern.

Es stimmt,  der Markt ist kein schönes Schauspiel. Ich lebe seit Jahrzehnten von ihm und mache mir keine Illusionen. Menschen übertreiben, laufen der Herde nach und verbrennen Milliarden. Es gibt Betrug, und es gibt Monopole. 

Nur folgt daraus nicht, dass ein Gremium es besser machen könnte. Das ist der beliebteste Taschenspielertrick der Marktkritik: Man vergleicht den wirklichen Markt mit einem gedachten Gremium aus klugen, gut informierten und uneigennützigen Leuten. Natürlich gewinnt das Gremium. Es existiert ja nicht. In der harten Realität sitzen darin jedoch dieselben Menschen wie überall, mit ihren Eitelkeiten, Eigennutz und begrenztem Wissen.

Der Unterschied ist, wer die Rechnung bezahlt. Stecke ich mein Geld in eine schlechte Idee, habe ich ein Problem. Stellt ein Unternehmer her, was keiner will, ist er irgendwann weg. Das ist hart, aber es korrigiert sich. Ein System kann seine Fehler jedoch erstaunlich lange finanzieren. Erst werden sie verteidigt, dann erklärt, dann mit frischem Geld stabilisiert, weil es ja stimmen muss. 

Man wird einwenden, Steiners Assoziationen seien freiwillig. Gut. Dann frage ich, was geschieht, wenn einer nicht mitmacht? Wenn ein Außenseiter sein Brot unterhalb des „fairen“ Preises anbietet, oder eine Chanel etwas näht, wofür die Runde keinen Bedarf sieht. Entweder die Assoziation lässt ihn gewähren, dann ist sie ein besserer Stammtisch und ihr „richtiger“ Preis gilt nur bis der Erste ihn unterbietet. Oder sie hindert ihn daran, dann ist sie ein Kartell des guten Gewissens. 

Diktatur ist die Konsequenz von Regulierung

Dazwischen gibt es nichts. Aus „Wir machen das so“ wird „Alle sollten das so machen“ und schließlich „Alle müssen das so machen“. 

Das gilt für jeden Versuch, den Markt zu zähmen, gleich unter welchem Namen: Ministerium, Branchenrat, Preiskommission, oder neuerdings DAO (Dezentrale Autonome Organisation). Eine Abstimmung wird nicht klüger, weil sie auf einer Blockchain gespeichert ist. Die Planung wird dezentraler, doch sie bleibt Planung. Und keine Planung hält der Realität stand. 

Bitcoin gefällt mir aus dem umgekehrten Grund. Sein Protokoll setzt eine Handvoll Regeln und schweigt dann. Niemand bestimmt den richtigen Preis, niemand entscheidet, wer kaufen darf, oder ob mein Kauf vernünftig ist. Wenige Regeln und kein Ziel, das erreicht werden müsste.

Der Markt lässt sich nicht zähmen, weil er kein Tier ist. Er ist das, was übrig bleibt, wenn einer etwas anbietet und der andere Nein sagen darf. Wer den Markt zähmen will, muss am Ende dieses Nein zähmen.

Dahinter steht fast immer jenes Wort, das bei mir inzwischen Brechreiz verursacht: „Gerechtigkeit“. Aber ein Ergebnis kann nicht gerecht sein, weil es niemand gezielt gemacht hat. Warum der eine reich wird und der andere nicht, hängt an einer Kette von Ursachen und Wirkungen, die keiner überblickt: Begabung, Elternhaus, Fleiß, ein Gespräch im richtigen Moment, ein Zug, den man verpasst hat. Das Ganze ist irrsinnig komplex. Wer da hineingreift, um es gerechter zu machen, weiß nicht, was er anfasst.

Solange es bei Gesprächsrunden bleibt, ist das harmlos. Gefährlich wird es, wenn der Entwurf wächst: die klassenlose Gesellschaft, der neue Mensch, oder was Marx und seine Erben sich sonst noch ausgedacht haben. 

Denn ein solcher Entwurf scheitert nicht an sich selbst. Er scheitert an den Menschen, die nicht hineinpassen, am Bauern, der sein Korn behalten will, am Händler, der Nein sagt. Also braucht man Schuldige. Erst werden sie belehrt, dann enteignet, dann eingesperrt. Lenin, Stalin, Mao und Pol Pot haben vorgeführt, wie es weitergeht: erst  Armut, dann die Not, dann die Unterdrückung. Und am Ende millionenfacher Mord, im Namen der Gerechtigkeit.

Und selbst die milden Varianten, die ohne Vernichtungslager auskamen, mussten korrigiert werden: Schwedens Experiment der Siebziger, das England der Labour-Regierungen, Amerikas Preiskontrollen. Die Umkehr erfolgte  jedes Mal erst, als das Geld endgültig ausging. 

Ich habe nichts gegen Vorstellungen davon, wie die Dinge sein sollten. Ich habe selbst ziemlich genaue. Aber sie gelten für mich. Ich darf mein Leben planen, mein Kapital riskieren und felsenfest überzeugt sein, recht zu haben. Vorsichtig werden sollte ich erst, wenn ich daraus ein Modell für alle anderen bauen will.

Denn das bleibt entweder ein Gedankenspiel – oder es mutiert zum Zwang. Will ich zu etwas gezwungen werden? Nein, doch dann darf ich auch niemanden zu etwas zwingen wollen.