In Paris essen wir gern im L’Avenue, an der Avenue Montaigne. Beiderseits reihen sich die großen Namen der Mode aneinander. Man denkt eher an Dior, Balenciaga, Chanel und Valentino als an einen, eher unbekannten, Philosophen der französische Renaissance. Ich fragte mich dennoch, wer der Mann war, nach dem eine der elegantesten Straßen von Paris benannt ist.
Und so stieß ich auf Michel de Montaigne und den Satz, der mir ein Leben lang gefehlt hatte:
Que sais-je? – Was weiß ich denn schon?


Der wesentlich berühmtere Sokrates soll gesagt haben: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Das ist vermutlich einer der meistzitierten Sätze der Philosophiegeschichte. Doch Montaigne gefällt mir bedeutend besser, weil er keine neue Gewissheit an die Stelle der alten setzt.
„Ich weiß, dass ich nichts weiß“ enthält noch immer eine Behauptung. Denn ich weiß immerhin, dass mein Wissen begrenzt ist.
Montaigne macht es noch radikaler: Er behauptet gar nichts. Er fragt: Was weiß ich?
Lange Zeit glaubte ich ziemlich viel zu wissen. Heute denke ich, noch weniger zu wissen, als ich glaube. Vielleicht wird sogar das, was mir heute vollkommen gesichert erscheint, in zehn Jahren lächerlich wirken? Wenn ich ehrlich zurückblicke, möchte ich nämlich in einigen Fällen rot werden vor Scham
Montaigne setzt kein Ausrufezeichen hinter sein Nichtwissen. Er setzt ein Fragezeichen hinter sein vermeintliches Wissen. Das ist ein erheblicher Unterschied.
Der geht mir nun schon seit ein paar Monaten durch den Kopf und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass mir genau dieses Fragezeichen in meiner persönlichen Mischung aus Stoizismus und Buddhismus gefehlt hat.
Der Stoizismus hat mich eine der praktischsten Regeln überhaupt gelehrt: Erkenne, was in deiner Macht liegt, und was sich deinem Einfluss entzieht. Gestalte das wenige, was du gestalten kannst und verschwende deine Kraft nicht an das, was außerhalb deiner Macht liegt.
Der Buddhismus fügt noch etwas Radikaleres hinzu: Klammere dich nicht einmal an die wenigen Dinge, die in deiner Macht liegen. Alles verändert sich, und nichts lässt sich festhalten. Wer sein Leben kontrollieren will, hat doppelt verloren.
Für die Stoiker gab es immerhin noch den Logos: eine vernünftige Ordnung, die dem Kosmos innewohnt und dem Gottesbegriff am nächsten kommt. Die Welt folgt einer höheren Vernunft, auch wenn wir ihren Sinn nicht immer erkennen.
Bei Buddha fällt selbst diese letzte Sicherheit weg. Es gibt keinen Schöpfergott und keine lenkende Vernunft hinter den Dingen. Was geschieht, geschieht, weil die Bedingungen dafür gegeben sind: ein unaufhörliches Geflecht von Ursachen und Wirkungen, von Entstehen und Vergehen.
Und nun kommt der Skeptiker Montaigne und nimmt mir sogar noch diese letzte Sicherheit. Er war selbst Katholik, doch verwechselte Glauben nicht mit Wissen. Sein „Que sais-je?“ bedeutet nicht, dass es keine Wahrheit gibt. Es bedeutet: Sei vorsichtig mit der Behauptung, dass ausgerechnet du sie kennst.
So nimmt mir der Stoizismus die Illusion, die Welt kontrollieren zu können. Der Buddhismus nimmt mir die Illusion, irgendetwas festhalten zu können. Und Montaigne nimmt mir die Illusion, ich wüsste mit Sicherheit, wie die Dinge wirklich sind.
Und irgendwie schließt sich damit der Kreis zu Buddha. Der warnt davor, sich in letzten metaphysischen Fragen zu verlieren. Nicht unbedingt, weil es keine Wahrheit gäbe, sondern weil diese existenziellen Fragen uns keinen Schritt weiterbringen. Was ist der letzte Sinn? Wer ist der Beobachter hinter dem Ich? Was geschieht nach unserem Tod? Viele große Geister haben sich daran aufgearbeitet – keiner hat je eine Antwort gefunden.
Montaigne fragt nur: Was weiß ich? Nichts von dem, was ich zu wissen glaube ist wirklich gesichert.
Wissen von heute ist der Irrtum von morgen
Was bleibt, ist erstaunlich wenig – und genau darin liegt für mich die große Befreiung: handeln, ohne sich für allwissend zu halten; gestalten, ohne sich an das Ergebnis zu klammern; Dinge für richtig halten, ohne aus diesem Glauben einen Wahrheitsanspruch abzuleiten.
Das klingt nach maximaler Unsicherheit, doch für mich ist es genau das Gegenteil davon.
Denn mit 65 fällt die Antwort auf „Was weiß ich?“ ohnehin ernüchternder aus als mit 25. Ich erwähnte bereits, dass mir manche meiner früheren „Sicherheiten“ mittlerweile eher peinlich sind.
Ich habe genug erlebt, um zu wissen, wie oft man sich mit größter Überzeugung irren kann. Zum Glück habe ich noch mehr Entscheidungen getroffen, von denen ich im Nachhinein sagen könnte, dass sie richtig waren. Aber war ich wirklich so klug? Oder hatte ich Glück? War es Erfahrung? Instinkt? Zufall? Habe ich etwas erkannt, was andere nicht gesehen haben, oder ist die Geschichte im Rückspiegel klarer, als sie damals tatsächlich war?
Que sais-je?
Ich habe mich geirrt, obwohl ich vollkommen sicher war, recht zu haben. Und ich hatte recht, obwohl ich meine Entscheidung damals kaum vernünftig hätte begründen können.
Das ist vielleicht nicht besonders schmeichelhaft. Doch sehr befreiend.
Denn wenn ich schon mein eigenes Leben nur höchst unvollständig verstehe, käme ich erst recht nicht auf die Idee, ich könnte wissen, was für einen anderen Menschen richtig ist?
An diesem Punkt wird aus einer erkenntnistheoretischen Frage eine moralische. Und vielleicht sogar eine politische.
Mein Weltbild ist ziemlich individualistisch. Man könnte es auch egozentrisch nennen, wenn man das Wort nicht sofort als Beschimpfung versteht. Ich stelle tatsächlich den einzelnen Menschen ins Zentrum. Nicht die Gesellschaft. Nicht das Kollektiv. Nicht irgendein abstraktes höheres Ziel.
Nur das Individuum. Und weil ich der einzige Mensch bin, auf den ich halbwegs Einfluß nehmen kann, stehe nunmal leider ich im Mittelpunkt meines kleinen Universums. Kein Anspruch, schlichte Realität.
Mein Leben. Meine Entscheidung. Mein Risiko. Und auch mein Irrtum. Das wird allzu gerne mit Egoismus verwechselt. Dabei ist es beinahe das Gegenteil.
Der Egoist sagt: Was mit dir geschieht, ist mir egal. Ich sage: Was mit dir geschieht, ist zunächst einmal deine Sache.
Und gerade weil ich dich als eigenständigen Menschen ernst nehme, maße ich mir nicht an, dein Leben für dich organisieren zu wollen.
Natürlich kann ich dir einen Rat geben. Ich darf dich warnen. Ich darf versuchen, dich zu überzeugen. Ich darf sogar davon überzeugt sein, dass du gerade dabei bist, eine gewaltige Dummheit zu begehen.

Aber zwischen „Ich halte das für falsch“ und „Du darfst das nicht“ liegt ein Abgrund. Dieser Abgrund heißt Freiheit. Wir überspringen ihn erstaunlich leicht und genau das beobachte ich in unserer Zeit.
Aus „Das würde ich niemals tun“ wird „So etwas tut man nicht“. Daraus wird „So etwas sollte niemand tun“. Und irgendwann steht dort eine gesellschaftliche Norm, eine Vorschrift, eine Gesetzt und Behörden die für seine Durchsetzung sorgen. Der “Gute Wille” ist der Kern der Unfreiheit.
Menschen besitzen ein erstaunliches Talent, ihre persönlichen Vorlieben in allgemeine Wahrheiten verwandeln zu wollen.
”Trink keinen Alkohol”, “Iss keine Kohlenhydrate”! Es beginnt bei der Ernährung und endet bei der Lebensführung. Die richtige Erziehung. Die richtige Beziehung. Das richtige Maß an Risiko. Die richtige Altersvorsorge. Die richtige Arbeit. Das richtige Leben.
Immer weiß irgendjemand erstaunlich genau, was für andere Menschen richtig ist. Mich macht das zunehmend misstrauisch.
Nicht einmal deshalb, weil ich diesen Menschen schlechte Absichten unterstelle. Das Gegenteil ist häufig der Fall. Die meisten Bevormundungen beginnen mit einem vollkommen aufrichtigen Satz:
„Ich will doch nur dein Bestes.“ Doch: Woher willst du eigentlich wissen, was mein Bestes ist? Besonders tragisch wird das Ganze dann, wenn ein Staat zu wissen glaubt, was mein Bestes ist und diesen Irrtum in Gesetze gießt.
Vielleicht weißt du etwas, das ich nicht weiß. Aber vielleicht weiß auch ich etwas, das du nicht weißt?
Das Grundrecht auf Irrtum
Vielleicht ist das, was du für Sicherheit hältst, für mich ein Gefängnis. Vielleicht ist das, was du für vernünftig hältst, für mich unerträgliche Langeweile. Vielleicht ist genau jenes Risiko, vor dem du mich bewahren möchtest, das, was mein Leben lebenswert macht.
Und vielleicht muss ich sogar einen Fehler machen. Meinen Fehler. Nicht deinen. Das Recht, so richtig „auf die Schnauze fallen zu dürfen“ gehört für mich ganz wesentlich zur Freiheit. Ich habe es von meinen Eltern eingefordert, fordere es von meinen Mitmenschen ein und erst recht vom Staat!
Wir sprechen gerne vom Recht auf freie Entscheidung, meinen damit aber häufig nur Entscheidungen, die wir selbst vernünftig finden. Wirkliche Freiheit beginnt dort, wo der andere etwas tun darf, was ich für falsch halte.
Solange er damit nicht unmittelbar in die Rechte anderer eingreift, muss ich aushalten können, dass er anders lebt, anders denkt, anders liebt, anders arbeitet, anders mit Geld umgeht und andere Risiken eingeht.
Ich muss es nicht gutheißen. Ich muss es nicht verstehen. Ich muss es nicht einmal respektabel finden. Ich muss nur akzeptieren, dass sich meinem Unverständnis kein Herrschaftsanspruch ergibt.
Vielleicht ist das mein eigentliches Verständnis von Toleranz. Nicht: Ich finde deine Entscheidung gut. Sondern: Ich akzeptiere, dass sie deine ist.
Das klingt erstaunlich einfach. Ist es aber nicht. Denn es verlangt etwas, das uns Menschen schwerfällt: die Möglichkeit ernst zu nehmen, dass wir selbst falsch liegen könnten.
Que sais-je?
Je älter ich werde, desto weniger klingt diese Frage für mich nach Schwäche. Im Gegenteil. Sie ist eine Form von Freiheit:
Ich muss die Welt nicht erklären. Ich muss sie nicht retten. Ich muss nicht jeden Menschen vor seinen Fehlern bewahren. Und ich muss keine Gesellschaft entwerfen, in der endlich alle vernünftig leben.
Ich habe doch schon genug damit zu tun, mein eigenes Leben halbwegs vernünftig zu führen und dabei möglichst lange gesund zu bleiben. Das reicht.
Ich kann anderen helfen, wenn sie Hilfe wollen. Ich kann meine Erfahrungen weitergeben. Ich kann widersprechen. Ich kann streiten. Ich kann argumentieren. Und danach kann ich den anderen seinen Weg gehen lassen.
Hier schließt sich für mich der Kreis aus Stoizismus, Buddhismus und Montaignes Skeptizismus:
Der Stoiker sagt: Kümmere dich nur um das, was in deiner Macht liegt.
Der Buddhist sagt: Klammere dich nicht an deine Vorstellungen.
Montaigne sagt: Sei dir nicht einmal sicher, dass deine Vorstellungen richtig sind.
Ich kann trotzdem entschlossen handeln. Ich kann Überzeugungen besitzen, ohne sie für Offenbarungen zu halten. Ich kann eine Entscheidung treffen und gleichzeitig wissen, dass sie falsch sein könnte. Als Spekulant tue ich das laufend.
Vielleicht ist das sogar eine reifere Form von Sicherheit. Nicht die Sicherheit dessen, der glaubt, die Wahrheit zu besitzen. Sondern die Sicherheit dessen, der mit seinem Zweifel leben kann. Die Sicherheit desjenigen, der auch mit den Folgen eines Irrtums leben kann.
Que sais-je? Was weiß ich schon?
Ich habe keine Tätowierungen, weil ich noch nie ein Symbol oder einen Satz für so wichtig gehalten hätte, dass ich ihn auf ewig auf der Haut tragen möchte. „Que sais-je?“ käme diesem Anspruch am nächsten.