Auf meinem letzten Langstreckenflug von Frankfurt nach Cancun habe ich nicht viel geschlafen und auch das Unterhaltungsprogramm völlig ignoriert. Ich war zu sehr von einem faszinierenden Buch gefesselt. Konstantin Richter erzählt darin die Geschichte vom Aufstieg Deutschlands zu einer der führenden Wirtschaftsnationen – und erklärt, warum sich der Standort Deutschland inzwischen weit davon entfernt hat.
Als ganz Deutschland eine große Firma war
Die Wurzeln reichen weit zurück, bis zur Gründung der Deutschen Bank und anderer privater Universalbanken nach der Reichsgründung von 1871. Richtig dicht wurde das Geflecht jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als viele Aufbaukredite in Kapitalbeteiligungen umgewandelt wurden. Allianz, Münchener Rück und Deutsche Bank hielten bedeutende Anteile an den großen Industrieunternehmen des Landes. Daraus folgte, dass ihre Chefs auch in den Aufsichtsräten der Unternehmen saßen, denen sie Kredit gegeben hatten. So konnten sie direkt Einfluss auf Entscheidungen nehmen.
Wie eng die Verflechtung war, zeigen die Zahlen der Monopolkommission: Von den 100 größten deutschen Unternehmen befanden sich nur 27 in mehrheitlichem Streubesitz. Innerhalb dieser Gruppe gab es 143 Beteiligungsfälle. 1996 waren 60 der 100 größten Unternehmen in einem einzigen Netzwerk miteinander verbunden.
Heute mag das heute verächtlich Filz nennen, Klüngel oder Herrenclub. Doch die paar hundert Männer, die sich kannten und sich gegenseitig kontrollierten, dachten vor allem national. Dieser Klüngel hatte ein Interesse am Standort, weil er selbst der Standort war. Er dachte in Jahrzehnten statt in Quartalen. Die Hausbanken kannten ihre Kunden und ließen sie nicht beim ersten Gegenwind fallen. Gewerkschaften und Betriebsräte saßen mit am gleichen Tisch und so half die Verflechtung auch bei der Schlichtung von Konflikten.
Im Jahr 1975 wollte Friedrich Karl Flick sein großes Paket Daimler-Aktien an den Schah von Persien verlaufen. Die Bundesregierung wollte das aus politischen Gründen verhindern. Also kaufte die Deutsche Bank das Paket für 1,9 Milliarden Mark. Heute säßen Mullahs im Aufsichtsrat von Mercedes, verhindert wurde das nicht etwa durch ein eilig verabschiedetes „Investitionsschutzgesetz“. Es genügten ein paar Telefonate unter Männern, die wussten, was sie nicht wollten.

Die Deutschland AG war kein Geheimbund. Sie war ein Geschäftsmodell, und es hat vierzig Jahre lang ausgezeichnet funktioniert. Wirtschaftswunder, harte D-Mark, Exportweltmeister: Das alles ist nicht trotz dieses Klüngels entstanden, sondern wegen ihm.
Hohe Steuern, große Schlupflöcher
Im Jahr 1958 lag der Spitzensteuersatz bei 53 Prozent. Doch der wurde erst ab dem Zwanzigfachen des Durchschnittseinkommens fällig. Heute zahlt den Spitzensteuersatz schon, wer das 1,3-fache verdient! Obendrein konnte man damals noch großzügig über das reden, was überhaupt zu versteuern war.
Wer im Ausland einen Minister oder Kollegen schmieren musste, konnte das als „nützliche Aufwendung“ absetzen. Das Finanzamt durfte wegen des Steuergeheimnisses nicht einmal die Staatsanwaltschaft informieren. Wer Geschäftsfreunde bei Rotlicht verwöhnen ließ, fand beim Finanzamt Verständnis. Die betriebliche Veranlassung galt wegen der Branchenüblichkeit als unstreitig, bis der Bundesfinanzhof 1990 befand, das sei nun doch unangemessen. Was der Firmenwagen privat wert war, handelte man mit dem Finanzbeamten aus, bis 1996 die 1-Prozent-Regel kam.
Daneben gab es die großen Modelle. Verlustzuweisungsgesellschaften, Bauherrenmodelle, Erwerbermodelle, mit denen man sich arm rechnen konnte. Ein Immobilienfonds versprach seinen Anlegern für 1979 einen steuerlichen Verlust von 105,87 Prozent ihrer Einlage. Man zahlte ein und bekam im ersten Jahr mehr Steuern zurück, als man eingezahlt hatte. Wer in West-Berlin investierte, durfte bis zu 75 Prozent der Anschaffungskosten erhöht abschreiben.
Die Deutschland AG war nicht zimperlich. Doch in der Bonner Republik konnte man auch mit hohen Steuern gut leben.
1990 – Was mit der Einheit zerbrach
Drei Wochen nach dem Mauerfall, sprengte die RAF Alfred Herrhausen in die Luft, den Chef der Deutschen Bank und damit den mächtigsten Mann der Deutschland AG. Ausgerechnet der hatte jedoch kurz zuvor mit dem Kauf der Londoner Morgan Grenfell die Tür zum internationalen Investmentbanking aufgestoßen. Am 1. April 1991 ermordeten die Terroristen den nächsten: Detlev Karsten Rohwedder, früher Chef des Hoesch-Konzerns, jetzt Präsident der Treuhandanstalt. Zwei Männer der alten Garde starben innerhalb von sechzehn Monaten eines gewaltsamen Todes.
Rohwedder hatte das DDR-Vermögen noch im Oktober 1990 auf 600 Milliarden Mark geschätzt. Als die Treuhand Ende 1994 ihre Arbeit beendete, stand den Privatisierungserlösen von ganzen 67 Milliarden Mark ein Defizit von 256,4 Milliarden gegenüber. 30 Prozent der Betriebe wurden stillgelegt. Gekauft, vor allem von westdeutschen Konzernen. Oft genug, um sich lästige Konkurrenz vom Hals zu schaffen, oder eine verlängerte Werkbank zu bekommen. Die Deutschland AG hat den Osten nicht aufgenommen. Sie hat ihn als Absatzmarkt missbraucht.
Das Schlimmste geschah jedoch nicht in den Betrieben, sondern in den Köpfen der Politiker. Vier Jahre lang war der Staat über die Treuhand der größte Unternehmer Deutschlands. Er hat Firmen gekauft, verkauft, saniert und geschlossen, und er hat dabei 250 Milliarden D-Mark verbrannt, ohne dass jemand dafür haften musste. Die Lehre, die Bonn daraus zog, war nicht etwa Demut. Die Lehre war: Sowas geht! Man kann eine ganze Volkswirtschaft vom Schreibtisch aus umbauen und wenn das schiefgeht, zahlt es eben das Volk.
Kanzler Kohl hatte blühende Landschaften versprochen, ohne Steuererhöhungen. 1991 kam der Solidaritätszuschlag, befristet natürlich. Bis heute. Die richtig große Rechnung ging jedoch an die Sozialkassen. Den größten Teil der Transfers in den Osten, (nach Berechnungen des ifo Instituts rund 2,2 Billionen Euro), verschlang der Sozialbereich, allem voran die Rente. Die direkten Finanztransfers lagen dagegen bei „nur“ 560 Milliarden Euro. Die Quittung: zum 1. Januar 1994 stieg der Rentenbeitrag von 17,5 auf 19,2 Prozent.
Etwa zur gleichen Zeit feierten die Steuersparer ihr letztes großes Fest. Ein neues Gesetz gewährte auf neue Immobilien im Osten eine Sonderabschreibung von 50% in den ersten fünf Jahren. Bei einem Spitzensatz von über 50 Prozent finanzierte der Fiskus damit rund ein Viertel der Baukosten.
Das Ergebnis: Anfang der Neunziger standen im Osten rund 420.000 Wohnungen leer, meist unsanierte und unbewohnbare Altsubstanz. Daraufhin wurden fast 800.000 neue gebaut, während die Menschen in den Westen abwanderten. Im November 2000 standen in den neuen Ländern über eine Million Wohnungen leer. Also legte der Staat den nächsten Wahnsinn auf: Stadtumbau Ost, in dessen ersten zehn Jahren rund 300.000 Wohnungen abgerissen wurden, vor allem Plattenbauten.
Damit hat der Steuerzahler zuerst das Bauen subventioniert und anschließend das Abreißen. Was wurde aus den Anlegern? Die wollten die Objekte nach Ablauf der Spekulationsfrist einfach nur noch loswerden, notfalls auch mit 50 Prozent Verlust. Sie hatten ja Steuern gespart.
Dann wurden die Lücken geschlossen. Verlustzuweisungsmodelle wurden verboten. Gleichzeitig sank der Spitzensteuersatz von 53 auf 42 Prozent, doch die Grenze, ab der er fällig wird, sank gleich mit. Die Rechnung ist einfach: Die Steuern sind gesunken, doch die Lücken sind zu. Der Staat nimmt weniger Prozente, dafür von fast jedem und ohne Ausweg. In der Bonner Republik konnte man mit hohen Steuern gut leben. In der Berliner Republik lebt man mit niedrigeren schlechter.
Die Folgen waren binnen weniger Jahren spürbar. 1999 nannte der Economist Deutschland den kranken Mann des Euro, geplagt von den Kosten der Wiedervereinigung, einem verkrusteten Arbeitsmarkt und schwächelnden Exporten. Im selben Jahr verlor Deutschland auch das Letzte, was von der Bonner Republik noch übrig war: die D-Mark. Die harte Währung, auf die man stolz war wie auf nichts sonst, ging im Euro auf. Regierung und Parlament zogen von Bonn nach Berlin und verbrannten weitere unzählige Milliarden für hastig hingeklotzte Neubauten.
Was also ist 1990 zerbrochen? Es war das rechte Maß. Die Bonner Republik war klein, provinziell, ein bisschen spießig, doch sehr solide. Man gab nur aus, was man hatte, die Bundesbank hütete die Mark, und die Deutschland AG sorgte dafür, dass die Fabriken weiter liefen. Mit der Einheit kam die große Aufgabe, und mit der großen Aufgabe kam der große Staat. Er hat sich seitdem nie wieder kleiner gemacht.
Das Ende der Deutschland AG
Am 13. November 1999 kündigte die britische Vodafone eine Übernahme von Mannesmann an, Mannesmann, Gründungsmitglied des DAX und Betreiber des ersten privaten Mobilfunknetzes in Deutschland, wehrte sich drei Monate lang und gab am 3. Februar 2000 nach. Rund 190 Milliarden Euro zahlten die Briten in der teuersten Übernahme der Wirtschaftsgeschichte. Die Schlagzeilen nannten es die „Götterdämmerung der Deutschland AG“.
Der Vorstand von Mannesmann ließ sich zum Trost Sonderprämien und Pensionen von mehr als 160 Millionen Mark genehmigen. Dafür wurden unter anderen Mannesmann-Chef Klaus Esser und Aufsichtsrat Josef Ackermann, inzwischen Chef der Deutschen Bank wegen Untreue angeklagt. Zuerst gab es einen Freispruch, eine eingelegte Berufung wurde gegen Zahlung vergleichsweise bescheidener Summen eingestellt.
Den Rest erledigte die Politik. Ab 2002 wurden Gewinne von Kapitalgesellschaften aus dem Verkauf von Beteiligungen an anderen Kapitalgesellschaften steuerfrei gestellt. Finanzminister Eichel argumentierte, die Deutschland AG sei erstarrt, globale Märkte verlangten flexible Unternehmen. Die Deutsche Bank kündigte schon im Jahr 2000 an, ihre Beteiligungen bis 2005 zügig abzustoßen. Der Spiegel sprach vom Anfang vom Ende der Deutschland AG. Er hatte recht! Nur zwei Jahre später hatten nur noch 53 der 100 größten Unternehmen überhaupt Kapitalverflechtungen, und es gab nur noch 44 Verbindungen zwischen ihnen, verglichen mit 143 im Jahr 1996. In acht Jahren war ein Netzwerk aufgelöst worden, das ein Jahrhundert lang gehalten hatte.
Wem Deutschland heute gehört
Fünf Jahre nachdem eine rot-grüne Regierung die Deutschland AG zum steuerfreien Ausverkauf freigegeben hatte, verglich der SPD-Chef die Finanzinvestoren mit Heuschreckenschwärmen, die über Unternehmen herfallen, sie abgrasen und weiterziehen. Erst reißt man den Zaun ein, dann beschwert man sich über Wölfe auf der Weide.
Heute sieht diese Weide so aus: 2001 lag der Anteil ausländischer Investoren an den DAX-Unternehmen bei 35,5 Prozent, Ende 2022 bei 52 Prozent. 2023 waren 24 der 40 DAX-Konzerne mehrheitlich in ausländischer Hand, bei Vonovia, Deutsche Börse, Brenntag und MTU zu mehr als 70 Prozent. Von den 53,8 Milliarden Euro, die die DAX-Konzerne für ein Geschäftsjahr zuletzt ausschütteten, flossen 26 Milliarden ins Ausland und nur 22,2 Milliarden an deutsche Anleger.
Und warum gehören die Konzerne ausgerechnet den Ausländern? Ein Grund ist unser Rentensystem. Das deutsche System basiert auf einem Umlageverfahren, während die Systeme im Ausland oft kapitalgedeckt sind. Ausländische Pensionsfonds investieren in deutsche Konzerne und kassieren die Dividenden. Der deutsche Rentner bekommt einen Zuschuss aus dem Bundeshaushalt. Darauf komme ich im zweiten Teil zurück.
Die Entwicklung der Deutschen Bank demonstriert anschaulich, was dreißig Jahre dieser Entwicklung angerichtet haben. Vom Hoch im Mai 2007 verlor ihre Aktie in den Folgejahren rund 95 Prozent ihres Wertes. Gerettet hat sie sich erst, als Christian Sewing ab 2018 eine harte Sanierung durchzog. Heute verdient sie wieder Rekordsummen: Als Globale Hausbank, wie 1870.
Die Deutschland AG war auch ein Club, der Newcomer fernhielt und Aktionäre wie Bittsteller behandelte. Ihre Auflösung war kein Überfall von außen, sondern wurde von einer rot-grünen Regierung beschlossen und von Bankern, Unternehmern und Aktionären bejubelt. Viele, die heute über den Verlust klagen, haben damals ihre Aktien mit sattem Gewinn verkauft.
Sicher hatte die Deutschland AG Fehler, doch sie war ihrem Land gegenüber loyal. Jetzt herrschen Konzerne, die nur ihren Sitz in Deutschland haben, während die Hälfte Gewinne das Land verläßt. In das Vakuum, das die alte Garde hinterließ, ist kein freier Markt nachgerückt, sondern der Staat.
Aus der Deutschland AG wurde der Deutschland e.V. Davon handelt der zweite Teil.