Just do it! Wie mir der Fortschritt die Zeit schenkte

In meinem letzten Essay schrieb ich darüber, dass man Zeit haben muss, um eine Stadt wirklich erleben zu können. Ich habe diese Zeit, weil ich das Glück hatte, in eine Zeit geboren worden zu sein, in welcher ein, nie dagewesener, technologischer Fortschritt sie mir geschenkt hat. Mir und all denjenigen, die diesen Fortschritt genutzt haben.

Es ist kurz vor sechs, ich sitze wieder im Café Lutetia und blicke über die Seine auf das Rathaus. Es ist still, erstaunlich still dafür, dass ich mitten im Zentrum einer Metropole sitze, die für ihr Verkehrschaos berüchtigt ist. 

Vor mir auf dem kleinen runden Tisch steht ein kleines Bier, in der Hand halte ich mein iPhone und spreche leise hinein. Ich diktiere, lese, korrigiere und auf dem kleinen Schirm ordnen sich meine Gedanken. Sie werden zu etwas, das ich gebrauchen kann. Das sich irgendwann sehen lassen kann. Kein Schreibpult, keine Tastatur, kein Laptop. Nur ein kleines Gerät aus Metall und Glas und meine Ideen.

Die fünf Fesseln

Und während ich mit Sätzen und Worten spiele, kommt die Erinnerung daran, dass das alles nämlich mal ganz, ganz anders war.

Als Student musste ich mich für Semesterarbeiten mit einer Schreibmaschine quälen. Olympia, hieß sie. Wer je an so einem Ding gesessen hat, der weiß, was das heißt: 

Du musst deinen Satz fertig gedacht haben, bevor du ihn tippst. Ein falsches Wort in der Mitte der Seite, und du beginnst von vorn. Tipp-Ex, durchgestrichene Zeilen, das Blatt aus der Walze gerissen und wütend zerknüllt. 250 Blatt Papier für 10 Seiten Reinschrift. Die verdammte Schreibmaschine wollte mich dazu zwingen, fertig gedacht zu  haben, bevor ich überhaupt richtig ins Denken kommen konnte! Denn: „Wie kann wissen, was ich denke, bevor ich lese, was ich geschrieben habe?“

Dann kam der erste Computer. Ein AT286 mit 1024KB Arbeitsspeicher, zwanzig Megabyte Festplatte für einige Tausend D-Mark. Der Monitor glühte bernsteinfarben in meinem halbdunklen Zimmer und ich konnte endlich löschen, umstellen, ausschneiden und woanders einfügen. Ohne die ganze Seite opfern zu müssen. Ich konnte denken, während ich schrieb, statt vorher. Zum ersten Mal gehorchte die Technik dem Gedanken und nicht der Gedanke der Technik. 

Das war keine Erleichterung, es war die Befreiung von einer Fessel. Ich werde das nie vergessen, denn ihr könnt nicht ahnen, wie oft ich allein diese paar Zeilen inzwischen umgestellt habe. Mein Verstand funktioniert nun mal so und nicht anders. Und auch das ist großes Geschenk, doch dazu ein andermal. Ihr seht, ich schweife gerne ab,

Ein paar Jahre später fielen die nächsten Fesseln.

1995 begann ich, mit dem Internet zu experimentieren. Ich diskutierte in vielen verschiedenen Gruppen und las im Wired  Online Magazin über die kommerzielle Nutzung des Internet. Das war damals ein ganz heißes Eisen und noch eine sehr strittige Angelegenheit. Es ging um einen Buchhändler namens Amazon, eine Auktionsplattform für Sammelfiguren und eine Weinhandlung namens Virtual Vineyards, die es seit 1994 gab. 

1997 ging dann mein erster eigener Shop online. Der erste Kunde kam aus Sizilien. Der zweite aus Australien. Dann, ganz, ganz viele aus den USA. Die USA wurden mein Markt. Ich saß, wie immer, an einem Tisch in München, nur der Bernstein-Schirm war inzwischen etwas größer und farbig. Doch ich war zum ersten Mal auf der ganzen Welt sichtbar!

Das war die nächste Fessel, die fiel. Doch das Internet löste zwei Fesseln auf einen Schlag. Denn kaum war ich überall sichtbar, zündete der zweite Gedanke. Er war die logische Folge aus dem ersten: Wenn die Welt mich überall sieht, muss ich an keinem bestimmten Orte mehr sein, um gesehen zu werden. 

Der Kunde in Sizilien wusste nicht, ob ich in München saß oder in Bangkok, und es war ihm auch völlig egal. In dem Moment, in dem ich überall sichtbar wurde, konnte ich selbst sein, wo ich wollte! Das Sichtbarwerden und das Loslösen von einem festen Standort waren eins. 

Den Mutigen hilft das Glück

Heute sehe ich den roten Faden, der sich durch Jahrzehnte zieht:  Jede dieser Technologien hat etwas gelöst:

Der Computer löste die Fessel des nicht frei gestalten könnens. Das Internet löste gleich zwei auf einen Schlag: die Fessel der Unsichtbarkeit und, daraus folgend, die Bindung an einen bestimmten Ort. Bitcoin und Blockchain, lösten – Jahrzehnte später – die Fessel des ortsgebundenen Vermögens. KI sprengt nun die letzte Fessel: die Begrenztheit meiner Zeit. 

Claude & Co. nehmen mir mitnichten das Denken ab, doch sie ersparen mir Unmengen an Recherchearbeit. Sie helfen mir, meine Gedanken zu ordnen und Inhalte zu gliedern. Blitzschnell Daten und Fakten zu verifizieren. Fragen an ChatGPT: „wie hieß doch gleich wieder der Onlineshop mit den Weinen? wann ging Wired online?“

Der Computer hat mich vom Horror des Tippens befreit, KI befreit mich vom Horror endloser Websuchen. Und es befreit mich vom Horror des leeren Bildschirms. 

Ich habe übrigens nichts davon geplant, hatte nie eine große Vision. Ich habe mich einfach vom Lauf der Zeit treiben lassen. Als ich von Amazon las, dachte ich nicht „das ist die Zukunft des Handels”. Ich dachte nur: ist ja irre, dass das geht!  Und ich probierte es einfach aus, es kostete ja nur Zeit und die hatte ich, schon damals, im Überfluss. 

Millionen Menschen haben dieselbe Ausgabe von Wired gelesen. Millionen hörten von Bitcoin, als es noch nichts kostete. Die Information stand Jedem offen. Was den Millionen fehlte, war die Bereitschaft, etwas auszuprobieren bevor es sich praktisch bewiesen hatte.

Die meisten warten auf einen Beweis. Sie wollen erst sehen, dass es funktioniert, bevor sie es tun. Doch wer auf den endgültigen Beweis wartet, kommt immer zu spät. Denn wenn der Beweis da ist, ist die Fessel längst auch für alle anderen gefallen, und aus dem Trampelpfad ist eine Autobahn geworden. Sie denken zu gründlich nach. Das Nachdenken selbst ist eine Fessel.

Ich war nicht klüger als sie. Ich war nur bereit, ins Ungewisse zu greifen, ohne vorher zu wissen, was mich dort erwartet. Und auch auf meinem Weg gab es reichlich Unerwartetes.

Mein Online-Shop lief, die Kunden kamen aus aller Welt, und ich lieferte. Ich lieferte gegen Rechnung, ohne Vorkasse. Nicht etwa aus Leichtsinn, sondern weil es gar nicht anders ging: Eine Kreditkartenabwicklung für Online-Shops existierte damals schlicht noch nicht. Ich war schneller als das System, das mich hätte schützen können. Und das System schickte mir die Rechnung. Die Zahlungsausfälle wuchsen, Monat für Monat, zu rund einer Million D-Mark uneinbringlicher Forderungen. Doch die meisten Kunden haben bezahlt!

Wer früh dort steht, wo die Wege noch nicht befestigt sind, riskiert auch mal einen Achsbruch. Das ist kein Argument gegen das Vorangehen. Es ist sein Preis.

Ich habe die Excel Tabelle mit den Forderungen in  jener Nacht gelöscht, in der das neue Jahrtausend begann. Doch ich saß nicht verzweifelt in einem billigen Pensionszimmer. Ich saß am Pool einer Villa in Florida, mit meiner ersten Patek Philippe am Handgelenk und habe herzlich gelacht. Wie verrückt kann das Leben sein?

Es Leben belohnt den, der auf den Fortschritt vertraut, bevor der sich beweist. Es belohnt ihn reichlich. Nicht, weil er klüger wäre als die anderen – ich bin es nicht –, sondern weil ich bereit war zuzugreifen, während die anderen noch auf den Beweis warteten. Oder noch immer warten, bis ein Bitcoin tatsächlich eine Million kostet.

„Mach es einfach!“  „Just do it“ wurde nicht umsonst zum Slogan eines weiteren großen Erfolges.