Ich habe mir wieder ein Auto gekauft! Es ist 31 Jahre alt und noch weitgehend analog. Zündung und Benzinzufuhr werden zwar schon elektronisch geregelt und auch das Verdeck lässt sich nicht mehr von Hand öffnen und schließen, doch ansonsten macht mir das Ding keine Vorschriften.
Im Cockpit, Tacho, Drehzahlmesser und ein paar Anzeigeinstrumente. In der Mittelkonsole eine Reihe von Schaltern und Drehknöpfen für Klimatisierung und Lüftung. Ja, man muss diese Knöpfe noch drehen! Links für wenig Luft, rechts für viel Luft. Nach rot für warm, nach blau für kalt.
Es piept nichts beim Spurwechsel ohne Blinker und auch nicht beim Einparken. Rückfahrkamera – wozu? Ich kann meinen Hals zum Glück noch so weit drehen, dass ich sehe, wann ich stoppen muss. Auch die sonstigen Assistenzsysteme moderner Autos vermisse ich nicht im geringsten. Klar, irgendwann würde ich ungebremst von der Straße fliegen – wenn ich es so weit übertreiben würde, dass die Grenzen der Physik überschritten werden. Auf trockenem Asphalt liegen sie höher, als auf nasser, oder gar eisglatter Straße. Nur Idioten wussten das früher nicht – heute müssen sie es nicht mehr wissen.


Finde deinen Weg!
Wo kein Display, da kein Navi! Mein alter Benz hat nicht einmal eine Halterung, in der ich das iPhone fixieren könnte. So konnte ich mich darin üben, meinen Weg von Barcelona nach Okzitanien selbst zu finden. Ok, ich habe Google vor Fahrtantritt gesagt, wohin ich will und dass ich nicht auf der Autobahn fahren möchte. Ein altes Cabrio macht auf Nebenstrecken einfach mehr Spaß.
Wir haben es doch schon fast vergessen: jede Straße trägt eine Nummer und hat zudem einen Farbcode. Dann musst du dir eigentlich nur noch merken, welche Orte auf dem Weg zu deinem Ziel liegen. Es wurden beträchtliche öffentliche Mittel dazu verwendet entlang der Strecke Tafeln mit Ortsnamen, Straßen-Nummer und Farbcodes aufzustellen. Man nannte sie auch „Wegweiser“, bevor die meisten Menschen verlernt haben, sich von ihnen den Weg weisen zu lassen.
Versteht mich nicht falsch, auch ich liebe Google Maps und verwende es ganz oft, besonders in der Stadt. Ich fand es nur eine tolle Übung, meine Route ohne Navigationshilfe zu fahren, ganz analog.
“Komme fünf Minuten später!“
Der Brave Soldat Schwejk hat sich mit seinen Kameraden für „nach dem Krieg um fünf, im Krug“ verabredet. Verrückt? Nicht wirklich, denn irgendwann endet jeder Krieg, es ist jeden Tag fünf Uhr und falls der Krug noch steht, trifft man sich eben dann, dort.
In analogen Zeiten war eine Verabredung ein Fixpunkt. Man traf sich um vier vor dem Kino, und wenn einer nicht kam, wartete man etwas, fluchte und ging irgendwann allein. Es gab keine Möglichkeit, sich aus einer Verabredung herauszuwinden. Unzuverlässigkeit war eine Aussage über den Charakter. Einmal kann es passieren, auch zweimal, doch irgendwann wird ein Muster draus.
Heute tippt man auf dem Display: „Komme 5 Minuten später.“ Oder zehn. Oder: „Schaffe es heute doch nicht, lass uns nächste Woche treffen.“ Eine Verabredung ist nicht länger ein Versprechen, sondern eher ein Terminvorschlag, der bis zur letzten Minute verhandelbar bleibt. Das fühlt sich zunächst wie Freiheit an, ist jedoch ein Verlust der Verbindlichkeit. Ich muss meinen Tag nicht mehr um einen unverrückbaren Termin herum bauen, kann mich aber auch nicht darauf verlassen, dass sich mein Gegenüber sich an unsere Verabredung halten wird.
Wenn ich weiß, dass ich jederzeit absagen kann, gehe ich meine Verpflichtungen leichtfertiger ein. Ich sage schneller zu, weil das Absagen sehr einfach geworden ist und gesellschaftlich akzeptiert wird. Die Bequemlichkeit geht zu Lasten der Verlässlichkeit.
Google weiß alles!
Bill Gates versprach zur Jahrtausendwende „Information at your fingertips“ und er hatte recht Heuet haben wir tatsächlich das gesammelte Wissen der Menschheit in Reichweite. Was früher eine Reise in die Bibliothek, einen Antrag in einem Archiv und Gespräche mit den richtigen Experten erforderte, erledigen heute Google & Co. in Sekunden für uns.
Nur ist das, was uns da so einfach serviert wird, eben nicht Wissen. Es ist Information und die hat jemand anderes ins Netz gestellt, ungeprüft, unverifiziert und allzu oft mit Absicht verzerrt. Der Unterschied zwischen Wissen und Information ist die Überprüng, und genau diese Prüfung fällt weg, wenn das erste Ergebnis schon plausibel genug klingt.
Wer stöbert heute noch in Archiven, selbst wenn sie längst digitalisiert und frei zugänglich sind? Es ist so viel bequemer, sich mit vorgefilterter, aufbereiteter Information zufriedenzugeben und sie als wahr zu akzeptieren, weil sie oben in der Ergebnisliste stand.
Die Suche nach der Quelle, das Abwägen widersprüchlicher Darstellungen, das Misstrauen gegenüber dem ersten Treffer, waren Fähigkeiten, die man sich mühsam aneignen musste. Wer sie nicht mehr braucht, verlernt sie. Und wer sie verlernt hat, merkt es erst, wenn er auf etwas hereinfällt, das offensichtlich falsch war.
Oder er merkt es überhaupt nicht!
Es wird Intelligenz genannt
Und dann kommt die Künstliche Intelligenz, und da wird die Sache heikel, auch für mich. Denn allzugroß ist die Versuchung, sich gleich den ganzen Text schreiben zu lassen. Ganz ohne die eigenen grauen Zellen allzu sehr zu bemühen.
Claude weiß alles, durchsucht alles, fasst es sinnvoll zusammen und formuliert es aus. Ich muss nicht mehr um Worte ringen. Ich habe nie wieder den schweren ersten Satz vor mir, das leere Blatt, vor dem ich früher stundenlang sitzen konnte. Bis ich mich dazu überwinden konnte einfach loszuschreiben. Anschließend, das Geschriebene zu lesen, zu verwerfen, zu streichen und so lange umzuformulieren, bis mir das Ergebnis gefällt.
KI macht das Schreiben zum Kinderspiel. Doch sie sorgt auch für Unmengen völlig belangloser Inhalte, weil es eben so einfach geworden ist „Content zu produzieren“. Und dieser Content ist zum großen Teil ganz großer Mist! Gequirlte Hühnerkacke, die sich mit all dem anderen Content vermischt, auch mit den wertvollen Beiträgen. KI greift dann erneut auf diesen Misthaufen zu und produziert noch mehr davon.
Irgendwann vermischen sich meine Gedanken mit den logischen Schlussfolgerungen eines Sprachmodells, ohne dass ich noch genau sagen könnte, wo die Grenze verläuft. Ist das noch mein Gedanke, oder übernehme ich ihn einfach, weil er plausibel klingt und mir die Mühe erspart selbst zu Ende zu denken?
Denn das Ringen um Worte ist kein stilistisches Problem. Es ist die Art, wie ich mir meiner eigenen Gedanken bewusst werde. Eine Idee, die sich nicht in einen Satz zwingen lässt, ist nur eine Ahnung. Wer sich dieses Ringen abnehmen lässt, bekommt glattere Sätze, um den Preis der eigenen Identität.
Die Kaulquappe
In den vergangenen zwei Essays schrieb ich über den Jakobsweg. Doch wer kann heute noch, ohne zu klagen, zwanzig Kilometer zu Fuß zurücklegen?
Meine Großeltern taten das noch ganz nebenbei zur Arbeit, zum Markt, zur Kirche. Das war keine sportliche Leistung, es war ihr selbstverständlicher Alltag. Heute ist es eine Herausforderung, die man lange vorher plant, sich extra Schuhe und Ausrüstung kauft und über die man hinterher stolz berichtet. Hier bekenne auch ich mich schuldig.
Elektroscooter statt Fußmarsch und Aufzug statt Treppenhaus. Lieferdienst statt Einkauf. Acht Stunden Schreibtisch, statt Feldarbeit. Unseren Körpern geht es wie unserem Geist: was man ihnen nicht mehr abverlangt, verlernen sie leisten zu können. Der technische Fortschritt macht uns fett und faul! Und am Ende krank.
Abnehmindustrie und Fitnessbranche verdienen Milliarden, mit der Verwaltung dieses Mangels. Wir haben uns zu bequem eingerichtet und durchlaufen die umgekehrte Entwicklung einer Kaulquappe. Nicht mehr benutzte Glieder verkümmern und am Ende bleibt nur noch ein fetter Wasserkopf. Jener Kopf, mit dem die Kaulquappe begonnen hat, sich zum Frosch zu entwickeln.
Und hier schließt sich der Bogen zu Fahrassistenten und Navi. Zum Erwerb von Wissen und eigenständigen Formulieren von Gedanken: Nicht gebrauchte Fähigkeiten verkümmern leise, weil sie nicht mehr gebraucht werden.


Auch das Handwerk verkümmert und mit ihm die Fähigkeit, Schönheit zu schaffen. Wer braucht schon noch Schönheit, wenn alles funktional und rational ist? Jede Casio für 20 Euro kann mehr als eine Patek Philippe für 20.000 Euro. Doch sie ist nicht schön! Schönheit erscheint überflüssig. Und doch ist sie für den Geist, was Treppensteigen für den Körper ist. Man muss sie erkennen können, um sie zu schätzen und das erfordert Bildung, die zu erwerben wiederum Mühe kostet. Ähnlich viel Mühe, wie die Schönheit zu erschaffen.
Versteht mich nicht falsch: ich möchte auf keine der Technologien, von denen hier die Rede war, verzichten. Das Smartphone, das mich von der Pünktlichkeit befreit, Google Maps, das mich nie mehr in die Irre laufen lässt, das Internet, das mir alles Wissen der Welt zeigt, die KI, die mir den ersten Satz abnimmt. Jede einzelne ist ein Gewinn. Erst in der Summe wird daraus eine schleichende Entmündigung. Menschen, die immer bequemer leben und immer weniger können.
Ich übe mich nur darin, mich nicht völlig von ihnen abhängig zu machen. Ich möchte mir die Fähigkeiten bewahren, auch ohne Smartphone und Internet zufrieden leben zu können. Es ist eine Übung um der Übung willen, so wie Hanteln stemmen im Fitnessstudio.
Wenn ich den TikTok-Kids dabei zusehe, wie sie sich gegenseitig Clips zeigen, denke ich daran, wie wir uns früher Autoquartett Karten gezeigt haben. Doch die funktionierten ohne Strom und Internet!
Technik ist toll, doch wehe der Strom fällt aus.