Als ich im Sommer durch Paris schlenderte, habe ich auf dem Pflaster im 4. Arrondissement die mir so gut bekannte Jakobsmuschel entdeckt. Ihre geschlossene Seite weist den Weg nach Santiago, einen der vielen Wege, die es gibt. In der alten Pilgertradition ist jeder Weg individuell und er beginnt genau dort, wo der Pilger sich auf den Weg macht.
Diese Tradition ist alt, sehr alt, rund 1.200 Jahre alt. Vor dieser Zeit wurde in Galizien das angebliche Grab des Apostels Jakobus entdeckt. Als früher Verkünder der Lehren Jesu wurde er um das Jahr 44 hingerichtet. So weit stimmt die Geschichte noch, doch dann wird es esoterisch. Das Ganze ist nämlich in Jerusalem passiert und seine Schüler haben seinen Leichnam auf ein Schiff verfrachtet, das sich dadurch auszeichnete, dass es weder über Segel noch Ruder verfügte. So konnte man gleich auf einen Steuermann verzichten und Antrieb und Navigation den Engeln überlassen. Die haben das Gefährt durch das ganze Mittelmeer, die Meerenge von Gibraltar, entlang der gesamten Küste Portugals bis nach Galizien gelotst.
Ich sagte ja bereits, dass ich kein gläubiger Mensch bin und Geschichten wie diese haben mich zu dieser Auffassung gebracht. Viele Menschen sehen es anders und genau deshalb wurdedie alte Begräbnisstätte, lateinisch „composita“ zum „campos stellae“, dem Sternenfeld verklärt.
Der richtige Rummel begann jedoch erst um 840, als König Jakob der II von Asturien dort eine Kirche bauen ließ und sich anschließend selbst auf den Weg dorthin machte. Damit wurde er zum ersten prominenten Pilger und die Route von seinem Sitz in Oviedo nach Compostela wurde zum ersten Pilgerweg, dem „Camino Primitivo“. Die Entfernung beträgt etwa 300 Kilometer und führt durch abgelegenes Bergland. Rau, schön und sehr anstrengend.
Insgesamt gibt es ein knappes Dutzend bekannter und dokumentierter Wege. Wie zum Beispiel den Camino Portugués von Lissabon oder Porto aus. Oder den Camino de la Plata von Sevilla nach Santiago. Ich könnte mich sogar direkt von Barcelona aus auf den Camino Catalán machen.
Camino Frances
Er ist die bekannteste Route von allen. Filme und Bücher haben dazu geführt, dass er praktisch zum Inbegriff des “Jakobsweges” geworden ist. Dazu kommt noch, dass alle anderen Wege irgendwo in den Camino Frances münden.
Er beginnt am Pyrenäenpass von Saint-Jean-Pied-de-Port und steigt über Roncesvalles nach Navarra hinab. Hinter Pamplona öffnet sich das Land; Weinberge begleiten den Pilger durch Navarra nach Logroño und weiter durch die berühmte spanische Rioja.
Danach führt der Weg über Burgos in die Meseta Central. Das sind 170 scheinbar endlose Kilometer durch eine staubige Hochebene zwischen Feldern und Himmel. Das bedeutet rund sechs Tage Ödnis unter brennender Sonne. Horizonte rücken kaum näher und es gibt nur wenige Dörfer mit noch weniger Gaststätten. In der letzten Etappe geht es über 19 Kilometer, ohne auch nur einen Schluck Wasser. Die monotone Weite wird zur psychologischen Herausforderung.


Jeder zweite Erfolgs- Coach spricht davon, wie wichtig es ist, die berühmte “Komfortzone” zu verlassen, um ein erfülltes Leben zu leben. Ich sage: vergiss Eisbaden und die 5- Uhr Morgen Routine. Alles Bullshit, buch dir einen Flug nach Burgos und folge dem Jakobsweg bis nach León! Eisbaden beweist nur, dass du zehn Minuten Unbehagen aushältst, um fünf Uhr aufstehen, dass du einen Wecker stellen kannst.
Die Meseta zeigt dir, was passiert, wenn du eine Woche lang allein unter der Sonne wanderst. Körperlich packst du das locker, das Ding heißt nicht umsonst Hoch- Ebene. Es geht immer nur geradeaus. Doch ich war nur selten in meinem Leben so schlecht gelaunt, wie in dieser knappen Woche konzentrierten Unbehagens. Die deutsche Sprache kennt die Wörter „trostlos“ und „untröstlich“. Die Meseta hat mich ihre tiefere Bedeutung gelehrt.


Um so besser fühlt es sich danach an, wenn es endlich überstanden ist. Ich war echt stolz auf mich, das Ganze stoisch durchgehalten zu haben, statt einfach den Bus zu nehmen, wie es sehr viele Pilger machen. Abkürzen, das Leiden vermeiden, ist einfach nicht der Sinn der Übung. Glück ist die Abwesenheit von Leid – nicht recht viel mehr und das kann man in der staubigen Weite sehr schön lernen.
Was für ein Glücksgefühl war es, im Hostal de San Marcos in León eine luxuriöse Pause einzulegen. Im Film „Der Weg“ lädt Martin Sheen seine zerzausten Weggefährten in dieses 5-Sterne Hotel ein, weil sie sonst nirgends ein Quartier finden konnten. Wir hatten eine Suite mit Blick über den riesigen Platz vor dem alten Pilgerhospiz.
Nach Leon führt der Weg über eine Bergkette und durchquert anschließend die Weinregion des Bierzo. Die leichten Rotweine aus diesen Lagen sind eine meiner Entdeckungen auf dem Weg.
Am O Cebreiro Pass habe ich in später dichtem Nebel die Grenze nach Galizien überschritten. Jetzt führt der Weg durch ein wahres Hexenland. Wenn ich den „Herrn der Ringe“ lese, denke ich an die grünen Täler, kleinen Dörfer und die endlosen, duftende Eukalyptuswälder. Tja, und auch an den Regen. An die Nässe, die irgendwann ihren Weg durch die beste Schutzkleidung findet. An die Klamotten, die auch am nächsten Morgen noch klamm und kalt sind. Ich habe die Feuchtigkeit besser ausgehalten als die ewig brennende Sonne im September, doch irgendwann sorgt auch sie für Unbehagen. Deutliches Unbehagen.


In Melide, dort wo das Kreuz steht, treffen schließlich weitere Wege hinzu und über Arzúa nähern wir uns Santiago de Compostela und der Kathedrale mit dem vermeintlichen Grab des Apostels Jakobus.
Ich bin den Weg ist zu Ende gegangen und die tiefe Befriedigung, es „geschafft zu haben“ läßt alle Strapazen vergessen . Im bequemen Alltag sind sie nur noch Anekdoten und nicht selten packt mich die Sehnsucht, mich einfach wieder „auf den Weg zu machen“.
Auf dem Camino del Norte
So stand ich knapp ein Jahr später wieder in einem kleinen Pyrenäendorf an der Grenze zu Frankreich. Diesmal hatte ich mir den Weg entlang der Atlantikküste vorgenommen. Diese Route ist landschaftlich reizvoller und auch nicht so überlaufen wie der Camino Frances. Das hat seinen Grund: Er ist wesentlich anstrengender.
Offiziell führt die erste Etappe von Irún nach San Sebastian, das sind nur 25 Kilometer, doch zum Glück habe ich die Empfehlung des Routenplaners ernst genommen, sie in zwei Tagen zu gehen. Der Camino del Norte funktioniert nämlich so:
Das Etappenziel liegt in einem Dorf oder einer Stadt an einer Flußmündung, also auf Meereshöhe. Diese Flüsse haben sich über Jahrtausende ihren Weg durch das Küstengebirge gegraben. Was bedeutet, dass nahezu jede Etappe des Weges steil bergauf auf einen Hügelkamm führt und danach ebenso steil bergab zur nächsten Flußmündung.


Auf der ersten Etappe liegen auf gleich zwei solcher Passagen. 300 Höhenmeter rauf, 300 Höhenmeter runter, dann wieder rauf und wieder runter. In San Sebastian bin ich einem Paar aus Hamburg begegnet, das die Strecke in einem Tag gegangen war, die Frau hat vor Schmerzen geweint.
Auf dem Camino Frances habe ich Wanderstöcke noch abgelehnt, in Irún hatte ich mir zum Glück ein Paar gekauft und dennoch meine Knie schon nach den ersten Abstiegen gespürt. Ohne die Stöcke hätte ich wahrscheinlich auch geweint! Bergauf gehen ist kein Problem, wenn du halbwegs fit bist. Bergab gehen, auf unebenem und rutschigen Untergrund wird nach einiger Zeit zu einer enormen Belastung für Knie und Knöchel. Wir sind so etwas einfach nicht mehr gewöhnt.


Auf dem Camino Frances haben mir die Hitze und die elend langweilige Landschaft das Leben schwer gemacht, hier sind es die brutalen Abstiege zur nächsten Flußmündung. Besonders auf feuchtem, steinigen Untergrund nimmt es die ganze Konzentration in Anspruch den sicheren Tritt für den nächsten Schritt zu finden. Es ist wie eine Meditation und auch Meditation wird nach einiger Zeit ziemlich anstrengend.
Dafür belohnt der Weg mit unberührter Natur und atemberaubendenden Ausblicken. Und – im Gegensatz zum touristisch ausgelasteten Camino Frances konnte ich das hier praktisch allein genießen. Es gab Tage an denen ich keinem einzigen anderen Wanderer begegnet bin.
Doch, nicht alles ist traumhaft schön. Der Weg führt auch durch Bilbao, eine Industriestadt, die durch das Guggenheim Museum aufgewertet worden ist. Die Stadt ist auch wirklich ganz ansehnlich, doch ihre Außenbezirke zeigen nur zu deutlich, welche Bürde unsere zivilisatorische Logistik für die Natur ist. Auf der Autobahn fährst du in wenigen Minuten durch Industriegebiete, vorbei an Kraftwerken und Mülldeponien. Als Wanderer läufst du viele Stunden durch diese grauenhaften Umgebungen. Die grottenhässlichen Außenbezirke von Bilbao und der Hafenstadt Santander gehen ähnlich aufs Gemüt wie die endlosen Weiten der Meseta.
Ich habe meinen Weg in Bilbao Anfang Oktober unterbrochen. Zum einen, weil ich zu einer Hochzeit von lieben Freunden auf Mallorca eingeladen war und auch, um meinen strapazierten Kniegelenken eine Pause zu gönnen.
Ihretwegen habe ich auch einen Personal Trainer engagiert und über den Winter ein paar Kilo abgenommen. Danach ging es ihn April mit frischen Kräften weiter in Richtung Santiago, welches ich dann im Mai zum zweiten Mal im Leben erreicht habe. Zu Fuß!

Werde ich mich wieder auf den Weg machen? Sicherlich, der Weg läßt mich nicht mehr los, denn er ist das Ziel.