Viele Menschen mögen Paris nicht und ich kann sogar verstehen, warum.
Ich habe diese Stadt nämlich zuerst auch ganz falsch angepackt. Du kommst für ein verlängertes Wochenende, hetzt vom Louvre zum Eiffelturm und vom Eiffelturm zum Montmartre. Dafür stehst du überall Schlange, und musst dich durch Menschenmassen drängeln. Du zahlst einen viel zu hohen Preis für ein winziges Hotelzimmer und fantasielose Mahlzeiten, in drei Tagen hast du dich drei zähe Entrecôtes gekaut und allein der Anblick von Pommes Frites verursacht dir bereits Übelkeit.
Du hast zwar „alles gesehen“, doch nichts von dem Zauber verspürt, für den Paris berühmt geworden ist. Du bist einfach nur gestresst und fürchtest die nächste Kreditkartenabrechnung.
Doch das ist nicht Reisen. Das ist Konsum, der sich als Reise ausgibt.
Du erlebst nicht Paris, sondern ein paar Ausschnitte von Paris: die drei, vier Sehenswürdigkeiten, die auf jeder Postkarte stehen, sie sind tatsächlich restlos überlaufen und, ehrlich gesagt, total überschätzt.
Louvre? Ach, geh mir doch weg! Ich finde nichts geheimnisvolles am Lächeln der Mona Lisa und auch die antiken Statuen mit den abgeschlagenen Armen reißen mich nicht zu Begeisterungsstürmen hin. Die Monumentalschinken von Delacroix kenne ich schon längst aus dem Geschichtsbuch.
Pantheon? Eine entweihte Kirche, in der sich der Staat selbst feiert. Und im Keller hat der die Leichen einiger seiner treuesten Diener vergraben. Marschälle, Senatoren, Minister und Präsidenten! Voltaire und Marie Curie passen hier nicht eigentlich nicht rein.
Invalidendom? Beeindruckend ist daran bestenfalls, welch pompöses Grabmal Frankreich einem Mann errichtet hat, der zu seiner Zeit ganz Europa mit Krieg überzogen hat – und diesen am Ende auch noch verloren hat.
Soll ich weitermachen? Ich meide Sehenswürdigkeiten so gut ich kann, denn ich habe ohnehin schon tausend Fotos davon gesehen.
Wer eine Stadt auf ihre größten Attraktionen reduziert, lernt sie so wenig kennen wie einen Menschen, von dem man nur den Lebenslauf gelesen hat.


Ich reise nicht – Ich lebe an einem anderen Ort
Für mich beginnt Reisen erst, wenn ich bleibe. Eine Woche ist das Minimum, mit einem Monat tauchst du ein, zwei bis drei Monate wären das Ideal. Erst dann verschwindet der Druck, etwas versäumen zu können. Wir kommen inzwischen jedes Jahr für einen Monat nach Paris.
Dann kann ich morgens aus dem Haus gehen und ziellos durch die Straßen schlendern, mit Menschen ins Gespräch kommen, und Dinge entdecken, die ich im Vorbeihasten niemals bemerkt hätte. Schräge Kunstgalerien, Antiquitätenhändler, oder einen der vielen Secondhand Modeläden, die man hier „Friperie“ nennt. Ich habe Zeit, mir ein Uhrarmband auf Maß anfertigen zu lassen – und kann darauf warten, bis es fertig ist.
Jeden Abend um 18 Uhr sitze ich im Café Lutetia auf der Ile Saint Louis und trinke ein Bier. Genau genommen, drei Biere, denn es sind kleine Biere. Der Kellner kennt mich, er stellt mir ein leckeres Pils hin, bevor ich etwas sagen muss.
Heute habe ich dort Barbara und Sunny kennengelernt. Sunny schreibt auch, ist mindestens 80 Jahre alt und lebt seit drei Jahren auf der Ile. Wenn sie nicht gerade in New York ist. Es waren übrigens amerikanische Bohemiens, die diesen Stadtteil vor 30 Jahren neu entdeckt und „fashionable“ gemacht haben.
Eine Stadt öffnet sich nicht dem Besucher, sondern demjenigen, der sich Zeit nimmt, ein Teil von ihr zu werden.
Das rastlose Abhaken von Orten ist nur eine weitere Spielart desselben hektischen Strebens nach immer mehr, das unsere Zeit ohnehin schon prägt. Mehr Länder, mehr Fotos auf Instagram, mehr Bullets auf Bucket List und am Ende genauso viele Erlebnisse, als wäre man daheim geblieben und hätte sich um den Garten gekümmert.
Nirgends zeigt sich das deutlicher als bei Tisch. Der Eilige verzichtet aufs Mittagessen, isst jeden Abend woanders, weil noch ein Lokal auf seiner Liste steht, und geht dann mit schwerem Magen zu Bett.
Wenn ich ein Restaurant gefunden habe, das mir gefällt, gehe ich ein zweites Mal hin. Und ein drittes. Ich erlebe, was die Küche wirklich kann, statt mich von der Speisekarte überrumpeln zu lassen. Der Kellner erinnert sich an das gute Trinkgeld und legt mir etwas ans Herz, das nicht auf der Karte steht; ich bekomme den Tisch, der mir gefällt, und führe irgendwann Gespräche, die kein Tourist je führen kann, lerne den Eigentümer, den Küchenchef kennen. Oft in Personalunion, dann ist der Laden besonders gut! Dreimal im selben Lokal zu essen ist kein Mangel an Neugier – es ist die reifere Form davon. Anthony Bourdain ist für mich ein unvergessener Held.
Und wo wir gerade von toten Helden sprechen: kaum jemand hat Paris schöner beschrieben als Ernest Hemingway. „Paris, ein Fest fürs Leben“ ist ein schmales, wunderschönes Buch, das er am Ende seines Lebens aus alten Notizen zusammengestellt hat, die jahrzehntelang in einem Koffer im Keller des Ritz gelegen hatten.

Ich habe es mehrfach gelesen, und ich wandle bis heute gern auf seinen Spuren. Hemingway kam als junger, armer Mann nach Paris und arbeitete sich langsam zum Erfolg empor. Gerade weil er wenig hatte, lebte er die Stadt wirklich, statt sie nur zu besichtigen:
Er angelte an der Seine, setzte bescheidene Gewinne vom Pferderennen in Champagner um und traf sich mit Gertrude Stein, James Joyce, Ezra Pound und Scott Fitzgerald. Er saß in den Cafés, den Schreibblock vor sich, und schrieb bei einem Glas Wort für Wort eine unvergessliche Literatur, die mein Leben geprägt hat. Das ist kein Besichtigungsprogramm, das ist ein Leben in einer Stadt. Der Titel trifft es genau: Paris war für ihn nicht ein Ziel, das man besucht, sondern ein Fest, das man ein Leben lang mit sich trägt.
Man reiste ohnehin früher anders, jedenfalls diejenigen, die reisen konnten. Die Grand Tour des 18. und 19. Jahrhunderts führte junge Menschen nach Paris, Florenz, Rom und Neapel, und sie dauerte nicht Tage, sondern Monate, oft Jahre. Michel de Montaigne, mein neuer Freund, bereiste im 16. Jahrhundert die Schweiz, Italien und Deutschland – ganze 18 Monate lang.
Man blieb, wo es sich zu bleiben lohnte. Man lernte die Sprache, studierte die Kunst vor den Originalen, suchte den Umgang mit Einheimischen und den Austausch mit anderen Reisenden. Die Reise war kein Abstecher aus dem täglichen Leben, sondern eine Verwandlung, von der Es ist nirgends einfacher, neue Menschen kennenzulernen, als auf Reisen.
Wer wirklich reist, kehrt als ein anderer Mensch zurück. Es ging nicht darum, irgendwo gewesen zu sein, sondern darum, woanders gelebt zu haben. Erlebt zu haben, wie andere Menschen an diesen anderen Orten leben, verändert mein eigenes Sein.

So reisen zu können war das Privileg einer Minderheit, und daran hat sich bis heute weniger geändert, als man glauben möchte. Wer im Arbeitsleben steckt und seine Tage gegen Geld tauscht, kann nicht mal eben einen Monat in Paris bleiben.
Er hat nur zwei, drei Wochen im Jahr und die verbringt er, notgedrungen, irgendwo im Schnelldurchlauf. Meist auch noch an die Schulferien der Kinder gebunden. Das ist keine Ungerechtigkeit, sondern eine logische Folge: Wer seine Zeit bereits verkauft hat, kann nicht mehr darüber verfügen.
Das wirkliche Reisen setzt voraus, dass du Herr über deine Zeit bist. Als armer Bohemien wie Hemingway, als wohlhabende Herren wie Goethe und Montaigne, oder als Showman wie Bourdain. Oder irgendwas dazwischen. Dazu zähle ich mich selbst, ein digitaler Bohemien, der sein Geld an jedem Ort der Welt aus dem “Cyberspace” bezieht.
Derzeit in Paris, dann in Polen, Litauen, Spanien und in der Karibik. Doch es wird mein Herz immer wieder nach Paris ziehen.
Paris ist nicht überbewertet. Überbewertet ist nur die Art, wie es die meisten erleben. Wenn du dort bleiben kannst, erlebst du eine Stadt, die du nicht besichtigst, sondern bewohnst.
Und du wirst sie lieben! Ich kenne keine lebenswertere Stadt.