Zeit ist der neue Luxus

Ich liebe Luxus und möchte nicht ohne Luxus leben. Dennoch verzichte ich nur allzu gerne auf das, was mir heute als „Luxus“ verkauft werden soll. 

Ich habe eine Weile gebraucht, um zu merken, dass man uns dieses Wort gestohlen hat. Die Konsumgesellschaft greift nach Logos und merkt dabei nicht, dass sie einfach nur hoffnungslos überteuerte Produkte kaufen. Schlimmer noch, sie glauben, dass der absurde Preis ihnen einen höheren Status verschafft. 

Wer eine Rolex Daytona trägt, trägt nicht nur eine Uhr, sondern ein Preisschild am Arm. Das gleiche gilt für die Balenciaga Sneaker, das Balmain T-Shirt und die LV-Tasche. Wer viel Geld ausgeben kann, hat viel geleistet und ist mehr wert als Andere.

Wirklich? Ich halte diese Menschen für Narren. Vor den Läden von Louis Vuitton und Chanel Schlange zu stehen, wie Obdachlose vor der Suppenküche, ist wahrlich kein Ausweis von hohem Sozialstatus. Eher von maximaler Unterordnung. Das ist doch genau das Gegenteil von Luxus. 

Kürzlich waren wir bei sehr wohlhabenden Freunden in Monaco zu Gast, und die Gastgeberin zeigte uns stolz eine perfekt gefälschte Handtasche, nicht mehr vom „Original“ zu unterscheiden. 

Wir haben verglichen, denn sie besitzt ganze Zimmer voller Luxuskleidung und Taschen. In ihrer Tiefgarage stehen Rolls Royce, Maserati, Ferrari und andere Traumwagen – sie fährt einen gebrauchten Mini. Ich mache ihr ein Kompliment zu ihrem elegantem weißen Kleid. Sie strahlt zurück: Ja, das ist von ZARA! So weit ist es also gekommen. 

Wer Schlange steht, um überhaupt in den Laden zu dürfen, wird freundlich informiert, dass die Birkin, oder die Daytona, erst nach Jahren auf einer Warteliste zu haben ist. Und wenn man endlich am Ziel ist, stellt sich heraus: Eine gute Fälschung täte denselben Dienst. Niemand merkt den Unterschied, außer man selbst. Auch die Hersteller wissen das und setzen inzwischen auf RFID Chips. 

Man muss jedoch nicht einmal zur Fälschung greifen, um dem Schwindel zu entgehen. Ein ordentlicher Sekt, Cava oder Cremant für fünfzehn Euro schlägt jeden billigen Champagner mühelos. Die Plörre aus dem Hause Moët trägt nicht umsonst den Spitznamen “Mord und Schande”. Und es muss auch kein Château d’Yquem sein, von dem ich neulich geschwärmt habe, nebenan gibt es einen exzellenten Sauternes für ein Fünftel des Preises. 

Die Pointe: Dem Schlossherrn von Château d’Yquem gehören auch die Kellerei von “Mord und Schande”, die Handtaschen mit den überdimensionierten Logos und ein halbes Dutzend weiterer Fake-Luxusmarken. Der LVMH Konzern verkauft einem, je nach Etikett, entweder wirkliche Meisterschaft oder deren aufgeblasene Imitation. Die Preise passend gestaffelt. Je nach Geldbeutel des Kunden.

Und genau hier liegt das eigentliche Problem: Um zwischen überteuertem Konsum und wirklicher Qualität unterscheiden zu können, braucht es Bildung. Nicht im Sinne von Zeugnissen, sondern im ursprünglichen Sinn: sich selbst formen, ein Urteilsvermögen entwickeln, das nicht auf dem Preisschild beruht, sondern auf der Sache selbst. 

Und genau diese Bildung erwirbt man nicht am Schreibtisch zwischen zwei Meetings. Sie braucht Zeit und Muße, jene vermeintliche Langeweile, die man als Jugendlicher noch hatte. Die unendliche Geduld, um Wälzer, wie den „Herrn der Ringe“ zu lesen, Zinnfiguren zu bemalen, oder epische Skills ins Videogames zu entwickeln. Das ist der gravierendste Unterschied zwischen Jugend und dem späteren Leben: Als Junge hatte man viel Zeit, aber nicht das Bewusstsein für ihren Wert. Heute hat man dieses Bewusstsein und müsste sich die Zeit erst wieder erobern.

Wer zu sehr aufs Geld fixiert ist, wer seine Zeit damit verbringt, es zu verdienen, dem entgehen genau diese Unterschiede. Er kauft nicht den Sauternes vom Nachbarweingut, sondern den teuren mit dem bekannten Namen. Er kauft nicht den Cava, sondern den Champagner mit dem Spitznamen, den er gar nicht kennt, weil er nie die Zeit hatte, sich mit der Materie zu befassen. Er lässt sich sein hart erarbeitetes Geld für Ramsch abnehmen und merkt es nicht einmal, weil ihm die Zeit fehlte, sich das Wissen anzueignen, mit dem er den Unterschied hätte erkennen können.

Das ist der geschlossene Kreis: Man verkauft Zeit, um sich Dinge zu kaufen, die man nur mit Zeit und mit dem Wissen, das aus dieser Zeit erwächst wirklich beurteilen könnte. Deswegen hat man keine mehr übrig.

Deshalb glaube ich, dass der wahre Luxus unserer Zeit aus genau zwei Dingen besteht: Zeit und Neugier. Zeit allein reicht nicht, das sieht man an Menschen, die viel davon haben und vor dem Fernseher verblöden. Es braucht die Neugier als Motor, jenen nie ganz erwachsenen Wunsch, verstehen zu wollen, wie etwas funktioniert, was hinter der Fassade liegt. Ob bei einer Handtasche, einem Wein oder dem Konzern, der beides verkauft.

Wer keine Zeit hat, braucht schnelle Abkürzungen. Die eigentliche Frage, bevor man das nächste Objekt der Begierde kauft, sollte daher also nicht lauten: Kann ich es mir leisten? Und nicht einmal: ist es das wert? Sondern: Warum will ich es gerade jetzt? 

Meistens lautet die ehrliche Antwort: weil einem langweilig ist. Weil das Leben in diesem Moment leer ist und man etwas braucht, das dieses Loch füllt. Man kauft dann nicht, was man wirklich will, denn das Wirkliche braucht Zeit, Wissen, Geduld, Jahre der Beschäftigung mit einer Materie, bis man versteht, was man eigentlich sucht. Ganz oft auch Zeit, sich die Summe anzusparen. 

Doch man kann nicht warten. Also nimmt man, was in unmittelbarer Reichweite ist: das Logo, die Tasche, die Uhr, die schnelle Bestätigung, dass man dazugehört. Nicht weil es das Beste ist, sondern weil es sofort verfügbar ist. Ich weiß wovon ich rede, ich habe es selbst oft genug getan.

Das ist der eigentliche Verrat am Luxus: nicht dass man sich Dinge kauft, sondern dass man sie kauft, um eine Leere zu stopfen, die eigentlich nach etwas ganz anderem verlangt: nach Muße, nach Neugier, nach der Geduld, auf das Richtige zu warten, statt sich mit dem Nächstbesten zu betäuben.

Ich habe den „Herrn der Ringe“ übrigens nie gelesen, weil mich die menschlichen Charaktere bei Hemingway, Balzac und Dostojewski damals mehr interessiert haben. Liebe Freunde fanden, das sei eine Bildungslücke und haben mir eine gebundene Prachtausgabe mit Illustrationen des Autors geschenkt. Das gute Stück wiegt anderthalb Kilo und ich habe es im Handgepäck vom Baltikum bis nach Barcelona geschleppt. 

Nun freue ich mich darauf, es zu lesen. Denn ich habe noch immer so viel Zeit, wie der gelangweilte Gymnasiast von vor 50 Jahren und ich bin auch noch genauso neugierig. Das halte ich für wahren Luxus.