Warum Eigentum optional geworden ist

Wir leben in einer fantastischen Zeit! Es war nämlich noch nie so leicht, Dinge zu nutzen, ohne dass ich sie mir kaufen müsste. 

Wohnungen werden gemietet, oft nur tageweise, Autos ebenso, oder sie werden geleast. Software kaufe ich nicht mehr, ich nutze Abos. Die Plattensammlung ist passé –  Musik und Filme werden gestreamt, gegen eine monatliche Pauschale. Wissen kommt von ChatGPT für ein paar Handvoll Dollar. 

„Mein Haus – Mein Auto – Mein Boot“! Der alte Sparkassenslogan versprach Status durch Eigentum an all diesen Dingen. Doch heute ist das ist ein Denkfehler.  

Juristisch ist der Unterschied klar. Besitz bedeutet die tatsächliche Herrschaft über eine Sache. Eigentum bedeutet die rechtliche Herrschaft. Ich kann besitzen, ohne Eigentümer zu sein. Ich kann aber auch Eigentümer sein, ohne die Sache zu besitzen. 

Besitz ist nicht Eigentum

Doch nicht so klar, oder? Betrachten wir ein Beispiel aus der Praxis:

Wenn jemand ein teures Auto fährt, ist er dessen Besitzer und kann sich dafür bewundern lassen. Es erhöht seinen Sozialstatus. In den meisten Fällen wird jedoch eher eine Bank oder Leasinggesellschaft der Eigentümer des Fahrzeugs sein. Sie erwirtschaftet damit Profit. Ohne das Auto jemals zu bewegen und ohne sich im Glanz der Karosse sonnen zu können.  

Was also wirklich interessiert, ist zuerst einmal die Nutzung auf Zeit. Sie ist funktional. Ich wohne in einer Wohnung, ich fahre ein Auto, ich nutze ein Werkzeug. Besitz fühlt sich leicht an, weil er jederzeit reversibel ist. Er endet, wenn der Vertrag endet, wenn die Situation sich ändert, wenn ich weiterziehe. Besitz ist immer mit einem stillen „solange“ versehen. Solange es funktioniert. Solange es erlaubt ist. Solange ich es brauche.

Eigentum ist etwas ganz anderes. Eigentum bedeutet Bindung. Eigentum heißt: Ich trage die letzte Verantwortung für diese Sache. Nicht nur für Nutzen, sondern für ihren Erhalt, ihr Untergangsrisiko, Wertentwicklung und politische Konsequenzen. Eigentum zwingt zu Entscheidungen, auch dann, wenn man eigentlich keine treffen will. In diesem Sinne ist Eigentum nicht nur Privileg, sondern eine Verpflichtung. 

Der immer noch bestehende Irrtum unserer Zeit besteht darin, Eigentum automatisch mit Wohlstand gleichzusetzen. 

Das war historisch verständlich. In einer Welt knapper Ressourcen bedeutete Eigentum Schutz. Land bedeutete Nahrung. Häuser bedeuteten Sicherheit. Werkzeuge bedeuteten Überleben. Eigentum war existenziell. Doch diese Welt existiert so nicht mehr. Zumindest nicht für den Teil der Gesellschaft, der – jenseits des nackten Überlebens – über Lebensmodelle nachdenken kann.

Reichtum ohne Produktionsmittel?

Heute entsteht Wohlstand nicht mehr ausschließlich durch Eigentum. Er entsteht durch Nutzen. Wer das nicht unterscheidet, sammelt Eigentum und wundert sich später, warum er doch nie zufrieden ist.

Ein Haus kann Wohlstand bedeuten, aber auch eine Last. Das entscheidet nicht der Quadratmeterpreis, sondern die Frage, ob es deine Handlungsspielräume erweitert oder verengt. Ein Unternehmen kann Wohlstand bedeuten oder ein Käfig sein. Kapital kann Wohlstand sein, oder die Quelle permanenter Angst. Eigentum ist niemals neutral. Es wirkt immer. Die Frage ist nur, in welche Richtung.

Was sich in den letzten Jahrzehnten fundamental verändert hat, ist nicht der Wert von Eigentum, sondern der Hebel von Besitz. Durch digitale Infrastruktur ist es erstmals möglich geworden, Wirkung zu entfalten, ohne vorher Eigentum aufzubauen. Ich kann schreiben, publizieren, verkaufen, lernen, lehren, koordinieren, verleihen, vermieten. Ganz ohne Gebäude, Fuhrpark, Maschinen oder große Startinvestitionen. 

Nutzung ist von Eigentum entkoppelt worden. Die Gewährung dieser Nutzung zu einem eigenständigen Geschäftsmodell herangewachsen. Das ist historisch neu. 

Vor ein paar Jahren war ich an der Côte d‘Azur in einem Uber unterwegs. Der Fahrer erzählte mir, dass er das Auto nur gemietet hätte. Ich kenne eine Firma, die weltweit Immobilien mit Langzeitverträgen anmietet, um sie über AirBnB und andere Portale weiterzuvermieten. 

Der alte Marx sprach vom Eigentum an Produktionsmitteln und dachte dabei an Fabriken und Tausende von Arbeitern. Für digitale Unternehmer reicht ein iPhone und eine clevere Idee. 

Ich habe 28 Jahre lang sehr gut von einer Struktur gelebt, die aus nichts anderem bestand, als einem Firmenmantel, einer Webseite und Kontakten zu Lieferanten, Logistikunternehmen und Zahlungsdienstleistern.

Digital ist kein Trend. Digital ist Infrastruktur. So wie Straßen, Stromnetze oder Schrift. Wer digital als „unwirklich“ abtut, hat nicht verstanden, dass fast alles, was unser Leben strukturiert, abstrakt ist. Recht ist abstrakt. Geld ist abstrakt. Eigentum selbst ist eine Abstraktion. Ihre Wirklichkeit zeigt sich nicht im Materiellen, sondern in den Konsequenzen.

Diese Entkopplung hat eine paradoxe Wirkung. Einerseits erlaubt sie enorme Freiheit. Man kann testen, scheitern, neu beginnen, ohne ruiniert zu sein. Andererseits erzeugt sie eine neue Unsicherheit. Denn wer nur besitzt, hat das Gefühl auf Widerruf zu leben. Zugang kann entzogen werden. Plattformen können Regeln ändern. Verträge können gekündigt werden. AirBnB kann verboten werden. Besitz ist leicht, aber nicht souverän.

Eigentum belastet – Besitzen macht frei

Deshalb ist die entscheidende Frage nicht: Besitz oder Eigentum? Die entscheidende Frage lautet: Wovon will ich abhängig sein – und wovon nicht? 

Ein smartes Lebenskonzept trennt diese Ebenen sauber. Es sucht Eigentum nicht wegen Dingen, sondern wegen der damit verbundenen Entscheidungsfreiheit. Es akzeptiert Besitz dort, wo Flexibilität wertvoller ist als Kontrolle. Und es meidet Eigentum dort, wo es nur Fixkosten, mentale Last und Reaktionsunfähigkeit erzeugt.

Das gilt auch für Geld. Geld ist kein Ziel. Geld ist ein Nebenprodukt funktionierender Strukturen. Wer Geld zum Ziel macht, schafft nichts. Wer etwas Substanzielles baut, erzeugt irgendwann Geld oder zumindest Optionen. „Geld verdienen“ ist kein Beruf. Es ist ein Ergebnis.

Du kannst Geld nicht vermehren, wenn du erst gar keines hat. Das ist ebenso banal wie wahr. Außer, du verstehst Kapital als Hebel und vermehrst es durch geschickte Umschichtung von Gütern. 

Dauerhafte Vermögensbildung entsteht also nicht durch die ständige Jagd nach Geld, sondern durch den Aufbau von Strukturen, die unabhängig vom eigenen täglichen Einsatz funktionieren, oder zumindest wachsen. Idealerweise verdient man sein Geld im Schlaf!

Hier wird der Unterschied zwischen Besitz und Eigentum erneut sichtbar. Viele Menschen besitzen Geld, aber sie haben keine Kontrolle über ihre finanziellen Situation. Sie sind abhängig von Gehalt, Konjunktur und den Entscheidungen anderer. Frei nach Marx: Sie haben kein Eigentum an Produktionsmitteln. 

Umgekehrt gibt es Menschen mit wenig Besitz, aber einem hohem Maß an Souveränität, weil sie ihre Abhängigkeiten bewusst gewählt haben. Sie halten zum Beispiel Bitcoin, dicke Aktienportfolios, oder gut vermietete Immobilien.

Eigentum verpflichtet. Das gilt juristisch und existenziell. Wer Eigentum schafft, ohne sich dieser Verpflichtung bewusst zu sein, schafft sich eine Last. Wer Eigentum gezielt so einsetzt, dass es echte Unabhängigkeit schafft, baut Freiheit. Das Problem ist nicht das Eigentum. Das Problem ist unreflektiertes Eigentum. Haben um des Habens willen, oder eben um der schönen Illusion des höheren Sozialstatus willen.

Vielleicht ist das der Kern einer zeitgemäßen Haltung: Eigentum nicht länger als Indikator für einen hohen Sozialstatus zu begreifen, sondern als Werkzeug. Bloßen Besitz nicht geringer zu schätzen, sondern als gleichwertige Form der Nutzung. Doch vor allem Freiheit nicht in der Ansammlung von Dingen zu suchen, sondern in der Fähigkeit, jederzeit Entscheidungen treffen zu können, ohne existenziell erpressbar zu sein.

Ein smartes Lebenskonzept ist kein Maximierungsproblem. Es geht nicht darum, möglichst viel zu besitzen oder möglichst viel Eigentum anzuhäufen. Es geht darum, die richtige Form von Bindung einzugehen. Manche Dinge sollte man besitzen, um beweglich zu bleiben. Andere sollte man besitzen, um Verantwortung abzugeben. Und manches sollte man bewusst nicht besitzen, um innerlich frei zu bleiben.

You will own nothing and be happy!

Der Satz wirkt nur deshalb so verstörend, weil er sprachlich missverstanden wird. Das englische „to own“ meint nicht Besitz im Sinne von Nutzung, sondern Eigentum im Sinne von Rechtstiteln. „Du wirst nichts besitzen und trotzdem glücklich sein“ ist ein polemischer Übersetzungsfehler. 

Der Satz sagt also nicht, dass wir ohne Dinge leben werden, sondern dass wir ohne Eigentum leben könnten. Weil man alles mieten kann, wenn man es braucht. Das bedeutet im Gegenzug, dass wir uns nicht um sie kümmern müssen, wenn wir sie nicht brauchen.

Besitz – als Zugriff, als Nutzung, als gelebter Alltag – bleibt unverzichtbar. Ohne Besitz kein Nutzen. Eigentum hingegen verliert seine Selbstverständlichkeit und wird zu einer Option unter vielen. Oder zum Geschäftsmodell, denn irgendwer muss die ganzen Dinge schließlich vermieten.

Problematisch ist der Satz nicht, weil er Eigentum relativiert, sondern weil er verschweigt, worauf es ankommt: ob Besitz freiwillig organisiert ist oder nur geduldet. Besitz ohne Eigentum kann leicht und funktional sein. Doch Besitz ohne Rechtssicherheit kippt in Unsicherheit. 

Der Satz ist deshalb weder Drohung noch Verheißung, sondern eine verkürzte Beschreibung einer Welt, in der Eigentum an Bedeutung verliert, während Besitz und die Fähigkeit dazwischen wählen zu können zur eigentlichen Grundlage von Wohlstand werden.