Letzte Woche schrieb ich von Wünschen, die das Universum erfüllt, wenn man nur fest genug daran glaubt, dass es funktioniert. Ja, das mit dem Porsche hat prima funktioniert, denn es war ein klar definiertes Ziel mit einem klar definierten Betrag – und der war obendrein recht überschaubar.
Heute berichte ich darüber was passiert, wenn es kein klares Ziel mehr gibt, sondern nur noch ein diffuses: „das ist nicht genug“! Im Grunde ging es nicht mehr darum, was ich mir wünschte, sondern darum, was ich glaubte sein zu müssen: Ein erfolgreicher Unternehmer.
Was ist Erfolg?
Ich hatte mein Studium geschmissen, um Geschäftsmann zu werden. Die Begeisterung meiner Eltern hielt sich in Grenzen und, ehrlich gesagt, war ich mir selbst auch nicht so sicher. Den Schritt zu tun war für mich leicht und logisch, doch es war viel schwerer, ihn vor meinem Umfeld zu rechtfertigen.
Wer so einen Schritt macht, hat eine Bringschuld. Ein kleines, solides Geschäft reichte da nicht. Es musste etwas Beeindruckendes sein. Etwas, bei dem niemand mehr fragen würde, ob der Studienabbruch ein Fehler war.
Genau das war die Falle. Ein Auto hat einen Preis. Man kann das erreichen, abhaken und sich freuen. „Allen beweisen, dass ich recht hatte“ hat dagegen keinen Preis. Es gibt keine Zahl, bei der man sagt: So, jetzt reicht’s. Jeder Erfolg ist nur die Anzahlung auf den nächsten. Ich baute kein Geschäft auf, sondern eine glänzende Fassade, und zwar für Leute, die eigentlich gar nicht hinschauten.
Das Universum hat auch diesmal zuverlässig geliefert. Genau das, was ich bestellt hatte: das Gefühl, dass es nicht genug ist.
Das Hamsterrad
Ich musste „was Richtiges“ auf die Beine stellen. Bill Gates mäßig.
Die Zeit war wie gemacht dafür. Es waren die Achtziger. An der Börse ging es scheinbar nur nach oben, die Märkte waren entfesselt, und Erfolg war etwas, das man zur Schau stellte. Im Kino erklärte Gordon Gekko in „Wall Street“, Gier sei gut. Eine ganze Generation junger Männer, mich eingeschlossen, nahm es als Gebrauchsanweisung. Man nannte sie Yuppies: Rolex am Handgelenk, Filofax unterm Arm, Autotelefon, Hosenträger überm Hemd. Ich hatte alles, bis auf die Hosenträger.
Bei den Banken saß das Geld locker, sie vergaben Kredite ohne allzu genau hinzusehen, denn erfolgreich war nur wer Geschäft brachte.
Also kamen Geschäftsräume dazu, die etwas hermachten. Edle Büromöbel, Mitarbeiter, Werbung und Berater. Jede Ausgabe war ein Beweis dafür, dass der Laden brummte. Es fühlte sich verdammt erfolgreich an.
Das Verblüffende daran: Es ging ziemlich lange gut. Der Umsatz stieg und verbarg die steigenden Kosten. Das ist das Tückische am Hamsterrad: Von innen sieht es aus wie eine Karriere.
Es fällt erst dann auf, wenn etwas dazwischenkommt. Bei mir kam es gleich doppelt. Zuerst ein Rechtsstreit, der mir einen Teil meines Umsatzes wegnahm und horrende Kosten verursachte. Dann das Finanzamt. Die Steuer fürs Vorjahr hätte ich gerade noch zusammengekratzt. Aber der Fiskus ist ein unverbesserlicher Optimist und wollte obendrein eine kräftige Vorauszahlung auf Gewinne, die es so nicht mehr geben würde. Damit war meine GmbH überschuldet und zahlungsunfähig.
Ein vernünftiger Mensch hätte sofort die Bremse ziehen müssen. Doch ich war kein vernünftiger Mensch, ich hatte ein Gesicht zu verlieren. Zu alledem war ich frisch gebackener Familienvater, das erste Kind war geboren und schon bald kündigte sich das zweite an. Ich hatte eine Familie zu ernähren und zwar bitte gut!
Absturz!
Also versuchte ich das Ding zu retten, riß neue Löcher auf um alte zu stopfen und wurde ein Meister im Vertrösten. Einer dieser Vertrösteten, ein Lieferant dem ich 25.000 D-Mark schuldete, suchte mich eines Tages auf, um mal zu sehen was Sache ist.
Ich erklärte ihm die ganze leidige Geschichte und versicherte ihm dass ich es schaffen würde das Ruder herumzureißen, alles zu bezahlen und so weiter…
Er sah mich nur lange an und sagte dann, mit seinem schweren italienischen Akzent ein paar Sätze, die mir noch heute die Tränen der Rührung in die Augen treiben:
“Lechner! Sie werde nicht schaffe! Sie habe keine Chance! Werfe Sie nischt weg fünf Jahre von Ihre Lebbe! Sie schulde mir 25.000 Mark, isch schenke Ihne! Aba zahle Sie auch keine Andere, denn keine Mensch werde sage Dankescheen, wenn Sie zahle!“
So machte ich dann bald auf den Weg zum Amtsgericht um Konkurs anzumelden. Und merkwürdigerweise fiel damit der ganze Druck der letzten Jahre von mir ab. Das Ding war gescheitert, es gab nichts mehr zu retten. Außer mir selbst und meiner Familie.
Der Konkurs wurde mangels Masse abgelehnt und ja, ich war mit der Meldung etwas spät dran gewesen und hatte noch ein paar andere Fehler gemacht. Die Staatsanwältin war nett, und die ganze Sache kostete mich ungefähr so viel, wie man heute dafür bezahlt, einen Politiker auf Social Media zu beleidigen. Rückblickend ein Schnäppchen.

Teurer waren die Bürgschaften. Ich hatte für meine Firma allerhand unterschrieben, schließlich glaubte ich felsenfest an sie. Dabei lernte ich: Banken teilen deinen Glauben nicht, sie lassen ihn sich absichern. Jetzt fiel mir jede einzelne Unterschrift auf die Füße.
Also auch noch der persönliche Offenbarungseid. Und das war 1996 der wirtschaftliche Tod! Danach hatte ich kein Bankkonto mehr und konnte keine Firma mehr führen.
Ganz unten
Was macht ein Unternehmer ohne Unternehmen? Er muss sich einen Partner suchen, der geschäftsfähig ist. Ich tat mich mit einem Mitbewerber zusammen und hoffte, dass er mir meine Provisionen zuverlässig auszahlen würde.
Er tat es nur sehr schleppend, weil er selbst in einem ähnlichen Hamsterrad steckte wie ich zuvor. Und so geriet ich mit den Mietzahlungen für unsere Doppelhaushälfte immer wieder in Verzug. Bis mir der Vertrag fristlos gekündigt wurde.
Da hatte ich bereits einen neuen Partner gefunden und die Geschäfte liefen wieder prima. Die Bargeldbündel wurden dicker, die Mietrückstände waren längst bezahlt, doch der Vermieter betrieb die Zwangsräumung. Eine Räumungsfrist wurde mir nicht gewährt, weil es sich um eine „Luxusimmobilie“ handelte. Wer solche Mieten zahlen kann ist nicht schutzwürdig, denn er hat ja genug Geld.
Genug Geld hatte ich tatsächlich wieder und auch schon einen neuen Mietvertrag in der Tasche. Es ging noch um zwei Wochen, doch der Anwalt der Vermieter betrieb die Zwangsräumung weiter. Mit dem Argument, ich wäre sicher nicht in der Lage die Mietkaution von 15.000 D-Mark aufzubringen.
So fuhr ich mit 20.000 Mark in der Tasche zu meinem neuen Vermieter, bat ihn das Geld anzunehmen und mir eine Quittung zu unterschreiben. Der, ein alter Großgastronom, zuckte nicht einmal mit der Wimper und tat es. Ich raste zum Gericht – und konnte damit in sprichwörtlich letzter Minute die Räumung verhindern.
Damals standen wir kurz davor, mit drei kleinen Kindern auf der Straße zu stehen, es war der schlimmste Moment meines Lebens!
Der Weg zurück
Der führte zuerst einmal nach Mallorca. Ich bekomme kein Konto in Deutschland und kann dort keine Firma führen? Herzlich willkommen in Spanien! Hier standen mir alle Türen offen und so saß ich mit meinem Laptop im Schatten und baute meinen ersten Online Shop, während die Kinder am Strand spielten.
Der Shop ging online und was dann passierte, zog mir die Schuhe aus. Hunderte von Anfragen kamen aus den USA und Kanada. Meine Seiten waren ganz oben in den Suchergebnissen von Yahoo, Altavista und später dem Newcomer Google. Ich hatte den größten Online Markt der Welt betreten – und ich war der Erste! Konkurrenzlos in meinem Segment.
Es gab genügend andere Probleme zu lösen. Die Logistik war eine Herausforderung, Zollabfertigung eine weitere, doch das schlimmste war, dass es in Europa noch keine Merchant Accounts für Online Shops gab. So hatte ich bald eine Firma in Denver, über die ich die Zahlungen einnehmen konnte und meine erste Offshore Firma auf den Bahamas.
Zwei Jahre nach der verhinderten Zwangsräumung saß ich am Pool einer Villa in Florida. Es war der Silvesterabend 1999 und ich war 38 Jahre alt. Ein neues Jahrtausend stand vor der Tür. Auf dem Schoß hielt ich einen Dell Laptop mit einer langen Excel Liste. Darin waren all die Kunden verzeichnet, die ich in der Anfansgzeit noch auf Rechnung beliefert hatte – und die mich nicht bezahlt hatten. Insgesamt eine knappe Million D-Mark.
Ich klickte auf „Löschen“. Ihr kennt das: „Sind Sie sicher?“ Verdammt nochmal, ja! Es war meine Abbitte an all diejenigen, die ich vertröstet oder gar nicht bezahlt hatte. Mein später Dank an Signore E.M. „Du wolle nischt zahle? Egal, isch schenke dir!“
Ganz oben und ganz unten können ziemlich nahe beinander liegen und der Satz: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ hat für mich Nicht-Gläubigen eine ganz besondere Bedeutung.
Hat er etwas mit dem Universum zu tun? Ich nenne es lieber die unendliche Verkettung von Ursachen und Wirkungen. Karma.