Heute, vor genau drei Jahren stand ich in einem kleinen französischen Pyrenäendorf in einer Schlange von Menschen aus aller Welt. Alle trugen Rucksäcke, Wanderschuhe und Funktionskleidung und alle waren aufgeregt – auch ich. Denn wir standen vor einem kleinen Büro in Saint Jean Pied de Port, um uns dort als Pilger auf dem Jakobsweg registrieren zu lassen. Vor uns lagen knapp 800 Kilometer durch Nordspanien und es wusste wohl kaum jemand von uns, wie er die 33 Tagesetappen zwischen 20 und 35 Kilometern Länge bewältigen würde. So etwas ist eine Herausforderung – nicht nur für die Füße.
Dabei sollte die Entfernung allein keine Frage sein. Der Mensch ist evolutionär auf ein Leben in Bewegung ausgelegt. Über unzählige Generationen gehörte das Gehen zur täglichen Existenz: Nahrung suchen, Wild verfolgen, Wasser holen, den Lagerplatz wechseln. Unser aufrechter Gang ermöglicht eine energiesparende Fortbewegung, und Millionen von Schweißdrüsen helfen, die dabei entstehende Wärme abzuführen. Bis ins letzte Jahrhundert gehörten lange Wege zum vertrauten Gebrauch ihres Körpers. Noch mein Vater hatte als Kind knappe 6 Kilometer Schulweg – einfach, Sommer wie Winter.
Auch ich gehe gerne, jeden Tag mindestens 10.000 Schritte und ich hatte schon im Vorfeld Tageswanderungen von 30 Kilometern geprobt. Meine Stiefel waren gut eingelaufen und der Rucksack wog nur ganze 7 Kilo – inklusive iPad, denn darauf wollte ich noch nicht verzichten.


Nur mit dem Nötigsten
Gleich die erste Etappe gehört zu den schwierigsten des ganzen Weges. Schon kurz hinter dem Dorfausgang geht es brutal bergauf. Dabei ist der Boden uneben und gefährlich rutschig von der morgendlichen Feuchtigkeit. Es ist wirklich „nicht ganz ohne“, wie man so schön sagt. So bin ich sehr froh darüber, dass ich keinen dieser riesigen Rucksäcke schleppen muss, die ich bei vielen anderen Pilgern sehe. Sie haben noch viel mehr Probleme mit der Schwerkraft als ich. Als Motorradfahrer war ich schon lange daran gewöhnt, mit kleinem Gepäck zu reisen. Jetzt fliege ich mit Handgepäck um die Welt, weil ich weiß, was ich wirklich brauche. Und das ist ziemlich wenig.
Ohne unnötigen Ballast läuft es sich insgesamt viel einfacher durchs Leben. Ich besitze auch ansonsten nur wenige, sorgfältig ausgesuchte, Dinge, die mich dann durch viele Jahre begleiten. Volle Schränke und überquellende Schubladen sind mir ein Graus. Schwere Rucksäcke erst recht. Seit der Erfindung der Mikrofaser ist es doch kein Problem mehr, täglich zu waschen. Die getragene Kleidung geht abends einfach mit unter die Dusche und ist am nächsten Morgen trocken. So reichen zwei Garnituren reichen völlig aus – plus eine in Reserve für den Fall, dass man mal so richtig nass wird und sich während des Tages umziehen muss. Das ist mir genau einmal passiert und dagegen half auch kein GoreTex.
Frage: Wie viel Kleidung hatten Menschen eigentlich in früheren Zeiten? Abgesehen von wohlhabenden Familien, waren es im Prinzip genau zwei Garnituren: Alltagskleidung, Sonntagsstaat und etwas Wäsche zum wechseln. Auch bei der Bundeswehr trug ich entweder oliv oder grau, ganz wie befohlen. Ich musste mir morgens nie überlegen, was ich anziehen soll und das hat mir sehr gut gefallen.
Gehen – Essen – Schlafen. Weiter gehen…
Um bei der Analogie zu bleiben, ist das Leben auf dem Jakobsweg insgesamt von bestechender Einfachheit, sehr nahe an den menschlichen Grundbedürfnissen. Du stehst morgens auf und gehst, bis du etwas zu essen bekommst. Danach gehst du weiter, bis du ein Dach über dem Kopf findest, unter dem du schlafen kannst. Und am nächsten Morgen beginnt das Ganze wieder von vorn. Das ist genauso befreiend, wie nicht darüber nachdenken zu müssen, was ich anziehe.


Die abendliche Suche nach dem Dach über dem Kopf ist ein ganz eigenes Thema. Wer zu spät kommt, findet kein Bett mehr. Die klassischen Pilgerunterkünfte, in denen man für kleines Geld ein Stockbett im Schlafsaal bekommt, sind meistens schon am frühen Nachmittag ausgebucht. Nicht mein Problem.
Auch wenn ich dem einfachen Leben einiges abgewinnen kann, tue ich mir das nicht an. Ich möchte ein eigenes, abgeschlossenes Zimmer mit einer eigenen Dusche haben. Allerdings führt der Jakobsweg zum größten Teil durch touristisch eher unerschlossene Regionen. Deutlicher ausgedrückt: Pilger sind die einzigen Touristen, die sich in verschlafene Käffer der kastilischen Hochebene verlaufen. Und wenn die Herberge voll ist, sind auch die paar Hotelzimmer schnell belegt.
So wird dann aus einer 25 Kilometer Etappe eine 30 Kilometer Etappe und die Mühen eines langen Tages werden mit einem herrlichen Ausblick auf Zapfsäulen und die dahinter verlaufende Schnellstraße belohnt. Dazu gab es Fast-Food und Dosenbier von der Tankstelle. Und das Schöne daran? Ich war heilfroh, dass ich etwas zu essen und ein Dach überm Kopf gefunden hatte!
Mit wenig zufrieden sein
Und genau das ist ein Teil der Magie. Eine tiefe Zufriedenheit stellt sich ein, wenn der Mangel endlich aufhört! Das Baguette mit Schinken hat mir besser geschmeckt als so manches Gourmetmenu. Die Quelle der Freude liegt dabei nicht in der erlesenen Qualität der Mahlzeit, sie entspringt aus dem Kontrast. Wer den ganzen Tag nichts hatte außer dem eigenen Atem und dem nächsten Schritt unter brennender Sonne, für den wird ein frisch bezogenes Bett zum Luxus und das Sandwich aus der Kühltheke gerät zum Festmahl.
Das ist eine Erfahrung die wir im hoch zivilisierten Alltag völlig verlernt haben. Man gewöhnt sich einfach an alles. Auch an den eigentlichen Überfluss, der uns irgendwann als langweilige Alltäglichkeit erscheint. Der Jakobsweg dreht diesen Mechanismus um: Er nimmt einem so lange etwas weg, bis das Wenige wieder reicht. Kein Coaching, keine Achtsamkeitsapp schafft das so zuverlässig wie diese 800 Kilometer Fußweg.
Mitte September wird es in Spanien tagsüber noch immer recht warm, doch die Sonne geht erst gegen 8 Uhr morgens auf. Wenn du nicht im Dunkeln über Stock und Stein stolpern willst, bleiben dir nur rund zwei Stunden relativer Kühle. Also raus aus dem Bett, rein in die Klamotten, Rucksack schultern und los geht es. Das Frühstück gibt es im nächsten Dorf, vielleicht fünf oder sieben Kilometer weiter. Falls die einzige Dorfkneipe nicht gerade Ruhetag hat! Falls es in diesem Dorf überhaupt eine Kneipe gibt!


Ich weiß nicht, wie oft mein Frühstück aus diesen Gründen ausgefallen ist und ich bis zum Mittagessen durchwandern musste. Ach ja, Mittagessen gibt es in Spanien frühestens um 13 Uhr! Im schlimmsten Fall sind das also fünf Stunden wandern, bis es was in den Magen gibt. Ich kann mich an eine Etappe erinnern, in der ich die vollen 20 Kilometer bis zum Ziel durchgelaufen bin, weil ich auf der ganzen Strecke kein Restaurant gefunden hatte. Gegen 17 Uhr angekommen, gab es aber schon kein Mittagessen mehr und das Abendessen erst um 20 Uhr. Dafür gab einen Spa und frisch gezapftes, kühles Bier. Im Grunde, habe ich mich trotz allem köstlich amüsiert.
Wenn es Essen gibt, dann handelt es sich dabei meistens um das sogenannte „Pilgermenü“. Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch und Hauswein zum, relativ gesalzenen, Festpreis. Es ist ein Essen für Schwerarbeiter. Als Vorspeise gibt es meistens Hülsenfrüchte, Bohnen, Linsen oder Kichererbsen mit fetter Wurst. Danach irgendein Stück gebratenes Schweinefleisch mit Pommes Frites und zum Nachtisch einen Pudding aus dem Kühlregal. Der Hauswein ist meist das Beste daran, weil der Camino Frances durch alle berühmten Anbaugebiete Spaniens führt.
Das spirituelle Erwachen
Jeder hat seine Gründe, warum er diesen Weg geht. Ich bin Menschen begegnet, denen man ihr Leid ansehen konnte. Ein junger Mann erzählte mir, dass er in Gewaltetappen von täglich 50 Kilometern aus Zürich bis nach Kastilien gelaufen war. Seine Füße sahen furchtbar aus, er war in Tränen aufgelöst und konnte nicht ausdrücken, wovor er weggelaufen war. Weglaufen, aus dem Alltag ausbrechen, eine Trennung oder eine Zäsur verarbeiten zu wollen, ist in vielen Fällen wohl der Grund, sich auf den Weg zu machen.
Die Gläubigen, diejenigen die tatsächlich aus religiösen Gründen gehen, sind eindeutig in der Minderzahl. Oft kommen sie aus Lateinamerika und erstaunlich viele aus Südkorea, wo es die vielleicht gläubigsten Katholiken gibt. Die Asiaten haben eine tiefe Abneigung gegen Sonnenstrahlung und starten ihre Tagesetappen bereits Stunden vor Sonnenaufgang. Mit stillem Eifer, im Schein von Stirnlampen geben sie ein kurioses Schauspiel. Tagsüber sieht man sie nur völlig vermummt, mit Handschuhen.
Amerikaner, Australier und Kanadier sind dagegen ein ganz anderes Völkchen. Für diese gesunden Kinder der Mittelschicht ist der Camino einfach eine Riesenparty mit sportlicher Betätigung. Sie sitzen Abends lärmend auf den Plazas, trinken Wein und erzählen sich Schwänke aus ihrem jungen Leben. Wer sich einsam fühlt, kann sich dazusetzen und wird sofort in die Runde aufgenommen. Sie sind laut, doch ich mag sie.


Und ich, warum laufe ich? Einfach deswegen, weil ich es kann! Ich bin gesund genug, um die Strapazen zu bewältigen und habe genug Zeit, mich einfach mal zwei Monate komplett aus dem Alltag auszuklinken. Das erfüllt mich mit einer tiefen Dankbarkeit für das wunderbare Leben, das mir geschenkt wurde.
Dankbarkeit ist das, was mich der Weg gelehrt hat. Dankbar sein für etwas Schatten, oder später für ein paar Stunden ohne Regen. Dankbar sein für eine einfache Mahlzeit, ein Kühles Bier und sogar für das harte Bett in einer scheußlichen Fernfahrer Absteige.
Es ist ein Weg mit viel Unbehagen und wenigen Momenten grandioser Schönheit. Zum glücklich sein reicht jedoch allein die Abwesenheit von Unbehagen! Das vergessen wir allzu leicht in einer Gesellschaft, die sich völlig der Vermeidung von Unbehagen verschrieben hat.
Der Camino de Santiago bietet tausend Gelegenheiten, sich glücklich zu fühlen!