Je länger ich mich mit künstlicher Intelligenz beschäftige, desto weniger beunruhigt sie mich. Nicht, weil ich sie unterschätze. Sondern weil sich mit etwas Abstand eine überraschend einfache Ordnung zeigt. KI bedroht nicht zuerst das Handfeste, sondern das Abstrakte. Nicht die schmutzigen Hände, sondern die sauberen Schreibtische.
Das mag kontraintuitiv wirken, denn jahrzehntelang wurde uns genau das Gegenteil erzählt. Wer es „zu etwas bringen“ wolle, muss studieren, abstrahieren, analysieren, managen und verwalten. Wer klug sei, arbeitet mit dem Kopf, nicht mit den Händen. Wer aufsteigen will, muss sich möglichst weit von der physischen Realität entfernen. White collar rules blue collar. Das galt als Fortschritt.
Kopfarbeit ist ersetzbar.
Ein Anwalt arbeitet mit Texten, Argumentationsmustern, Präzedenzfällen. Eine KI kann diese Dinge heute schon schneller, vollständiger und ohne emotionale Ermüdung verarbeiten. Ein Freund setzt KI in seiner Kanzlei ein und spart sich vier angestellte Anwälte. Sogar der Richter bewegt sich innerhalb eines normierten Rahmens, wägt ab, begründet, formuliert. Auch das ist strukturierbar. Betriebswirte modellieren Szenarien, optimieren Prozesse, rechnen Wahrscheinlichkeiten. Maschinen sind dafür gebaut. Journalismus – jedenfalls der überwiegende Teil davon – besteht aus Abschreiben, Einordnen und Sprachroutine. Auch das lässt sich automatisieren. ChatGPT ist besser als Relotius.
Das ist kein Angriff auf diese Berufe. Es ist auch keine Häme. Es ist schlicht und einfach die Konsequenz aus der Abstraktion. Alles, was sich in Regeln, Symbolen und Modellen ausdrücken lässt, kann prinzipiell von einer Maschine verarbeitet werden. Oft besser als von einem Menschen, weil sie keine Müdigkeit kennt, keine Eitelkeit, keine Angst.
Das Handwerk entzieht sich dieser Logik. Nicht aus romantischen Gründen. Sondern aus ganz praktischen.
Kacke ist ein sehr reales Problem
Eine verstopfte Toilette ist kein theoretisches Problem. Sie ist konkret. Sie stinkt. Sie ist unangenehm. Sie muss nicht diskutiert werden. Ein Rohr, das verstopft ist, interessiert sich nicht für Narrative. Ein Sicherungskasten reagiert nicht auf Einordnung. Ein Dach, das undicht ist, lässt sich nicht wegmoderieren.
Handwerk findet in der Wirklichkeit statt. Und diese Wirklichkeit ist noch immer echt unordentlich.
Kein Altbau ist wie der andere. Keine Installation entspricht exakt dem Plan. Vieles wurde improvisiert, falsch montiert, notdürftig repariert, über Jahrzehnte hinweg. Wer daran arbeitet, braucht nicht nur Wissen, sondern Urteilskraft. Die Fähigkeit, eine Situation zu erfassen, die so noch nie beschrieben wurde. Die richtige Entscheidung treffen, ganz ohne Handbuch. Natürlich auch die Konsequenzen dieser Entscheidungen unmittelbar zu tragen.
Genau hier stößt KI an ihre Grenzen. Nicht, weil sie dumm wäre. Sondern weil die Welt nicht ordentlich genug ist.
Maschinen sind hervorragend in geschlossenen Systemen. Dort, wo alles definiert ist, alle Variablen bekannt sind, alle Abläufe standardisiert. In Neubauten, in Fabriken, in industriellen Umgebungen wird Robotik immer mehr Aufgaben übernehmen. Das ist logisch. Aber das ist nicht die Welt, in der die meisten Menschen leben.
Die reale Welt besteht aus Übergängen, Brüchen, Ausnahmen. Aus Menschen, die nachts anrufen, weil etwas nicht funktioniert. Aus Situationen, in denen jemand vor Ort entscheidet, weil es keine zweite Meinung gibt. Aus Verantwortung ohne Absicherung.
Was macht die KI nach einem Leitungsbrand?
Ironischerweise gilt all das ganz besonders für KI selbst. Jede künstliche Intelligenz braucht eine sehr reale Grundlage. Rechenzentren, Server, Kühlung, Stromversorgung, Glasfaser, Netzersatzanlagen. All das existiert nur, weil Menschen Kabel ziehen, Rohre verlegen, Anlagen warten. Weil jemand bei Schnee und Hitze draußen steht und dafür sorgt, dass die Abstraktion am Laufen bleibt.
Die höchste Abstraktion ruht auf der niedrigsten Ebene der Realität.
Vielleicht liegt darin einer der großen Denkfehler unserer Zeit. Wir haben das Abstrakte für höherwertiger gehalten als das Konkrete. Das Saubere für wertvoller als das Schmutzige. Das Entfernte für überlegen gegenüber dem Nahen. Dabei ist es genau umgekehrt. Das Abstrakte ist leicht zu kopieren. Das Konkrete nicht.
Ein guter Handwerker ist nicht deshalb wertvoll, weil er etwas „mit den Händen macht“. Sondern weil er Entscheidungen trifft, die sich nicht simulieren lassen. Weil er Verantwortung übernimmt, ohne sie delegieren zu können. Weil er dort arbeitet, wo es keine Ausweichräume gibt.
Das ist nicht glamourös. Es ist auch nicht skalierbar. Aber es ist solide.
Je digitaler, vernetzter und komplexer unsere Welt wird, desto fragiler wird sie zugleich. Systeme hängen voneinander ab, Fehler pflanzen sich fort, Abhängigkeiten wachsen. In solchen Umgebungen steigt der Wert dessen, was funktioniert, wenn diese Systeme versagen. Nicht als Ideologie, sondern als schlichte Notwendigkeit.
Vielleicht sollten wir jungen Menschen wieder ehrlicher sagen, was Zukunftssicherheit wirklich bedeutet. Nämlich, auf keinen Fall möglichst abstrakt zu werden. Nicht möglichst akademisch. Nicht möglichst weit weg von der Wirklichkeit. Sondern so nah wie möglich an dem, was sich nicht simulieren lässt. Ich hasse Autos mit Elektronik, weil ich hilflos am Straßenrand stehen würde, wenn sie den Dienst verweigern. Einen 50 Jahre alten Renault oder Käfer, kriege ich notfalls mit einem Schraubenzieher und einer Kombizange wieder zum Laufen.
Das ist kein Plädoyer gegen Bildung. Im Gegenteil. Aber Bildung muss wieder Erdung haben. Urteilskraft statt bloßer Regelkenntnis. Selbstwirksamkeit statt bloßer Absicherung.
Intellektuelle sind alles andere als intelligent
Ich habe die so genannten „Intellektuellen“ schon vor 50 Jahren verachtet, als sie noch für die Krone der Schöpfung gehalten wurden.
Verachtet als genau das, was sie sind: unfähige Laberköpfe, die sich selbstgefällig darin ergehen, dem Rest der Welt zu erklären wie dumm und rückständig er doch ist. Doch was haben sie geschaffen?
Eine wirre Welt, in der das Ideal der „Gleichheit“ über allem steht und die Naturwissenschaft für ungültig erklärt wird, wenn es ideologisch passt. Ein kafkaeskes Monster, sich selbst verwaltender Bürokratie, das zunehmend diktatorische Züge annimmt.
Doch die wirkliche Welt, von der diese elenden Parasiten leben, wurde von Praktikern geschaffen. Ich habe tausendmal mehr Respekt vor Ingenieuren und Handwerkern als vor aufgeblasenen Nichtskönnern mit geisteswissenschaftlichem Studium.
Handwerk ist nicht etwa eine Übergangslösung für diejenigen, die „es nicht geschafft haben“. Es ist die Basis, auf der alles aufbaut. Auch die Dinge, die wir heute für überlegen halten. Sogar KI!
Wenn man das einmal verstanden hat, wirkt vieles plötzlich seltsam verdreht. Die Geringschätzung praktischer Arbeit. Der Fetisch für Renommee. Die Vorstellung, man müsse sich von der Wirklichkeit entfernen, um sicher zu sein. In Wahrheit ist es doch genau umgekehrt.
Vielleicht ist das der nüchternste Rat, den ich heute geben kann – ganz ohne Pathos:
Lerne etwas, das funktioniert, wenn der Strom ausfällt.
Alles andere ist optional. Sogar Bitcoin.
Das ist kein Rückschritt. Es ist die Rückbesinnung auf das, was die Menschheit trägt!